Damals / Back Then

Moralische Ratschläge / Moral Pieces Of Advice

17. November 2017

“Jahrzehntelang wurde zum Beispiel überall in Deutschland ein Erbauungsbuch dieser Art gelesen, die ‘Stunden der Andacht’. (…) Es gab keine grundsätzlichen Erörterungen; kein kämpferischer Ton klang auf. (…) Seine Betrachtungen tauchte er (Anm: der Autor) in eine milde, sanfte Religiosität, so wenn er sich über die Tages- und Jahreszeiten äusserte, über die Beziehungen zu den verschiedenen Gliedern der Familie bis hin zu den Tieren, wenn er menschliche Schwächen oder menschliche Vorzüge behandelte. Weise zu werden, das sollte nach den Worten des Verfassers das Ziel des Lesers sein. Vom Seelenheil war selten die Rede. Oft genug gerieten seine moralischen Ratschläge in die Nähe von Benimm-Regeln.”
(p277f)

 


 

“For example: such a book of meditations was read in germany for decades, the ‘hours of devotion’. (…) There were no cardinal considerations, no fierce tone in evidence. (…) His (e.n.: the author) reflections were quenched in mild, meek religiousness, as he spoke out about daytime and seasons, about relationships with members of the family extended even to animals, as he outlined human flimsiness and virtues. Becoming wise, this should be, of the author’s notion, the reader’s intent. Salvation was rarely mentioned. His moral pieces of advice got often into rules of conduct.”

 

 

Gerhard Schildt
Aufbruch aus der Behaglichkeit – Deutschland im Biedermeier 1815-1847
Westermann, Braunschweig 1989, ISBN 3-07-509038-7
Bild: Carl Spitzweg; CCC
Damals / Back Then

Spekulation / Speculation

14. November 2017

“Für die Höhe der Mietzinse war entscheidend, ob die Wohnung näher oder entfernter von der Stadt lag. Aber auch sonst bildeten sich Unterschiede heraus. Das Image der Gegenden wurde differenzierter bewertet. Das waren Auffassungen, die bis weit ins 20. Jahrhundert erhalten blieben. (…) In den Vorstädten, wo vorwiegend eine finanziell schwache Bevölkerung wohnte und es viele Arbeiterwohnungen gab, waren elende, kleine, niedrig gebaute Zimmer, in denen sich alles Leben einer Familie abspielte, die Regel. Charakteristisch waren hier die ‘Pawlatschenhäuser*’, niedrig gebaute Wohnobjekte mit aus Holz gebauten Umgängen. Viel an dem Wohnungsübel hatte seine Ursache im Spekulantentum. Die kleinen Häuser, in denen man sich die Wohnungen noch hatte leisten können, begannen zu verfallen und wurden durch Grossbauten ersetzt, der Höhe der Zinse den kleinen Einkommen keineswegs mehr entsprach. Offensichtlich waren die Spekulanten also bemüht, den vorhandenen Wohnraum zu verknappen, um ihn teuer anbieten zu können. In den vierziger Jahren trug diese Haltung zusätzlich zur Verschärfung der sozialen Situation bei. Im Zuge der Industrialisierung verringerte sich die Anzahl der Arbeitsplätze, die Einkommen sanken ab, die Verelendung der breiten Schichten der Bevölkerung nahm zu. Der Anteil der Höhe der Miete im Arbeiterhaushalt betrug ein Viertel bis ein Drittel des Einkommens.”

 

*: „Pawlatsche“ war die ins Österreichisch übernommene tschechische (‘pavlać’) Bezeichung für ein Haus, dessen Wohnungszugang über aussen liegende Stiegen und überdachte Laubengänge erfolgte. Diese Kostruktion war sehr billig.

 


 

“The amount of the rent for the residence depended on the distance to the city. But other differences showed as well. The reputation of the neighborhood was distinguished differently. This concept stretched long into the 20th century (…) The outskirts were generally built up with workman’s houses, the inhabitants were mostly financially weak. Miserable, small, low-ceilinged rooms were characteristic, where the whole life of the family took place. A typical building for this area was the “pawlatschen*-house”, a low-rise construction with a wooden tower gallery. Essentially speculation was the reason for this misery. The small, but still affordable houses were left to deteriorate and were replaced by bigger structures with much higher rental fees which were in no match for the low income. The venturers apparently tried to shorten available housing space to rise the operating leases. In the (18)40ies this tune aggravated the social marginalisation. The number of jobs clearly depleted in the course of the industrial revolution, the income dropped and the distress of the population escalated. The quota of the workers salary regarding the rent was from 25 up to 30 per cent.”

 

*: “Pawlatsche” is an austrianized czech word (‘pavlać’) for a building, in which the staircase with an access balcony and canopy is on the outside, in the open. It was a cheap construction to access the flats.

 

Bürgersinn und Aufbegehren, Biedermeier und Vormärz in Wien, 1815-1848
1988, Museen der Stadt Wien und Jugend und Volk, Wien
ISBN 3-224-16741-6
Bild: Velasquez, Wien um 1830, CCC
Damals / Back Then

Welt des Kindes / Childs World

10. November 2017

“Die Welt des Kindes wurde überaus ernst genommen, nicht nur aus pädagogischen Gründen, nicht nur, weil man dem Kind auf dem Entwicklungsweg ins Erwachsenendasein jede nur mögliche Hilfe geben wollte, sondern weil man seine Welt als ‘heile Welt’ einzäunen und möglichst lange konservieren wollte, weil der enttäuschte Erwachsene selbst wieder Bürger dieser Welt werden wollte.”
(p186)


 

“The childs world was taken seriously, not only due to educational reasons, not only, because people wanted to aid the child’s development to a grown-up’s being, but rather to corral and conserve it’s world as ‘idyllic world’ as long as possible, because the disappointed grown-up wanted to become a citizen of this world again.”

 

Renate Krüger, Biedermeier, Eine Lebenshaltung zwischen 1815 und 1848
Koehler und Amelang (VOB), Leipzig, 1979, 2. Aufl. 1982,
ISBN nicht vorhanden, Lizenznummer 295/275/2407/82
Bild: Waldmüller, CCC
Damals / Back Then

Es Steht! / It Stands Still!

6. November 2017

“Der österreichische Staat kommt uns vor wie eine Uhr … Die Welt glaubt, die Uhr gehe fort, weil man sie manchmal schlagen hört. Das ist aber der Wecker der Zeit – der schlägt daran. Österreich geht aber auch nicht … es steht!”

Aus den “Sibyllinischen Büchern aus Österreich” von Hauptmann Karl Möhring

 


 

“To us the appearance of the austrian state is that of a clock … the world thinks, the clock is running, because sometimes you hear its stroke. Only that’s the alarm of the times – that chimes this bell. But Austria isn’t running …it stands still!”

From the „Sybillinic Books from Austria“, by Hauptmann Karl Möhring

 

Fritz Endler, Wien im Biedermeier
Verlag Carl Ueberreuter, Wien – Heidelberg, 1978
ISBN 3-8000-3150-7
Bild: Carl Spitzweg, Friede Im Land, CCC
Was ist Neobiedermeier, Why Neobiedermeier

Aus Spass Wurde Ernst / When Fun Turned Serious

1. November 2017

Als mich die Idee zu dem Projekt neobiedermeier.com überkam*, so stand der künstlerische Aspekt im Vordergrund – Bilder von Damals ins Heute zu transponieren – Freude daran und Ideen dazu habe ich noch jede Menge, keine Sorge.
Doch in der Auseinandersetzung mit dieser Epoche, dem Wiener Kongress, dem Biedermeier, dem Vormärz und der Wiener Revolution, in der Recherche nach darstellungswürdigen Parallelen, bemerkte ich schnell, dass sich unter der luftig-leichten Idee doch mehr verbarg.
Wikipedia sagt uns, dass der Vormärz „in politischer Hinsicht durch das Aufkommen von Liberalismus und Nationalismus in einem Klima der Verfolgung und Unterdrückung“ beschrieben wird.

So. Schön und gut.
Mein Vater hat versucht mir die Grenzen der Biedermeier-Analogie mit der noch nicht vollzogenen sozialistischen Bewegung, die ja eine direkte Folge der 1. industriellen Revolution war, aufzuzeigen und dass die historischen Voraussetzungen nicht vergleichbar seien.
Darüber habe ich nachdenken müssen. Mehr als 1 Jahr beschäftigt mich das jetzt.

Den Aufmerksamen wird es nicht entgangen sein, dass westlich orientierte Gesellschaften gewissen besorgniserregenden Tendenzen unterworfen sind: einerseits einer brutalst vollzogenen Liberalisierung der Märkte, die sich, um nur ein Beispiel zu nennen, in einem Auseinanderklaffen der Einkommensunterschiede manifestiert**.
Anderseits finden reaktionäre und radikale politische Akteure wie ein Herr Orban, ein Strache, Erdogan oder Trump tosenden Beifall der Massen und der altmodische und zu einem Schimpfwort verkommene Sozialismus ist nahzu verschwunden, wenngleich die Errungenschaften desselben als selbstverständlich und Grundrecht empfunden werden. Der Erfolg des Sozialdarwinismus führt zu Zwängen unter dem Schlagwort der Freiheit und Sicherheit, einer paradoxen Radikalisierung gegen vermeintlich Radikale.
Mir sind auch die von paralysierten Links-Liberalen viel beschworenen Parallelen zur Machtergreifung der Nationalsozialisten bestens bekannt, aber trotzdem sehe ich im Heute mehr Biedermeier als Vorkriegszeit, kognitive Verzerrung hin oder her.

Die häufigste Reaktion der Menschen auf widrige Umstände ist den Schädel einzuziehen und zu hoffen, dass der Kelch an einem vorübergeht.
Also genau das, was das Biedermeier kennzeichnet.
Der ursprünlich linke Begriff der „Leitkultur„, der von der Rechten schwämmchengleich aufgesogen und assimiliert wurde, beruht im Wesentlichen auf Tugenden & Entwicklungen des frühen 19 .Jahrhunderts:
Weihnachtsbaum – aus dem Biedermeier.
Kaffeekränzchen – aus dem Biedermeier.
Die Couch und das Heim als Bollwerk gegen die grausliche Welt – Biedermeier.
Kinder, Eltern, Familie und Pädagogik – Bamm! Wieder Biedermeier.
Haus mit Garten, Zweitwohnsitz am Land, ländliches Idyll – Biedermeier wohin man auch schaut!

Aber was stand am Ende des Biedermeiers?
Eine Revolution in Wien, ja, in WIEN!, die, wenn man den Berichten Glauben schenken darf, nicht sehr schön war. Danach ein Geplänkel zwischen Preussen und Österreich, das in der Schlacht von Königgrätz mit mehr als 7.500 Toten und ebensovielen Verwundeten seinen Höhepunkt fand, einer durch innere Konflikte geprägten österreichisch-ungarischen Monarchie, deren politische Führung dieser Zerrissenheit und den Anforderungen einer Zeit der Veränderungen ratlos gegenüberstand, Erben eines seit Jahrhunderten bestehenden, antiquierten Systems, das dem unerbittlichen Sog der Entropie nicht widerstehen konnte und das Ende im ersten Weltkrieg mit 9,56 Millionen Toten fand.

Wiederholt sich die Geschichte?
Unvermeidlich!
Nihil novi sub sole?
Fix, oida!
The „best“ is yet to come?
Unfortunatly!

Aber, hey, was ist jetzt mit der industriellen Revolution?
Ja, die kommt auch wieder, diesmal in der Version 3.0, mit automatisierten & intelligenten (robotischen) Systemen, der technologischen Singularität, aka A.I., und genetischem Design.
Wer fährt LKW, wenn Tesla & Google steuern? Was passiert mit Brokern, Bankern und anderen Betrügern, wenn Algorithmen die Aktienströme der Börsen besser vorhersagen können? Wer braucht einen grantigen Verkäufer, wenn Alexa, Siri oder Google Home die Bestellung von Zuhause aufnehmen? Googles A.I. träumt und Facebook’s K.I. erfindet ihre eigene Sprache, IAMUS komponiert klassische Werk im Stil von J.S.Bach, von Menschen auf einem Chip hergestellte Strukturen aus metallischem Silber verhalten sich wie Neuronen aus Protein und stehen deren Funktionsweise um nichts nach.
Also, ja, hier taucht eine weitere technologische Revolution, die dritte, am Horizont der Geschichte auf, eine die das Potential trägt, die Gesellschaft neu zu strukturieren, zu modellieren und eine neue Ära einzuleiten. Fragen und Anforderungen an eine Politik, die diesen mit derselben Ratlosigkeit wie weiland der Adel gegenübersteht und mit längst überkommenen Systemen und antiquierten Theorien zwangsweise scheitern wird.
Wer wird wohl die ersten Folgen derselben spüren? Sicherlich nicht die Finanziers und Urheber derselben.

 

Die „goldene Backhendlzeit“, die im Wienerlied und auch heute noch von manchen romantisiert wird, die war keine lustige Zeit.
Es war eine Zeit grosser Umbrüche, weitreichender Entwicklungen und tiefer sozialer Zerrissenheit, politischem Machtstreben mit pro-europäischen Tendenzen gegen statischen Nationalismus.
Und einer technologischen Revolution am damaligen, noch etwas kleineren Horizont, die aber in der damaligen Gesellschaft keinen Stein auf dem anderen lassen sollte und nun fast schon 200 Jahre bis in die Gegenwart reicht.
Und was am Ende, dem Abschluss, der „guten, alten Zeit“ steht, am Ende dieser schmerzhaften Modellierung der Moderne, das wollen wir heute weder für uns oder unsere Kinder, wirklich niemand von uns, wie unvermeidlich es auch immer scheinen mag.

Denn, leider: nihil novi sub sole.

 

 

*: Jeder, der kreativ ist, weiss, dass man Ideen nicht „hat“. Sondern sie wie eine Sintflut über einen hereinbrechen.

**: Die beschriebene soziale Schere beziehe ich auf die innerhalb des Landes/Staatenbundes. Die globale Schere ist etwas komplett anderes. Das „Flüchtlingsproblem“, das eine direkte Folge davon ist, ist die Frucht der noch immer stattfindenden Ausbeutung aufgrund kolonialer Herrschaftsansprüche, egal wie modern und kreativ man sie auch formulieren mag.

 


 

The artists aspect stood in the foreground as the idea for neobiedermeier.com dropped* on me – to transpond images from back then to today – there are enough ideas left, no sweat.

In my research for new “worthy” images and in digging deeper into this era, the Congress of Vienna, the Biedermeier, the Vormärz and the Revolution of 1848, I learned quickly that there’s more than meets the eye.
Regarding politics the Vormärz is described as a period in which liberalism and nationalism were rising in an atmosphere of oppression and persecution.

Well. And now?
My father tried to show me the thresholds of the Biedermeier analogy, because the socialist movement hasn’t happened yet. Indeed socialism was a result of the first industrial revolution and this specific precondition is not comparable.

This was something I had to think about. It bothers me since a year.

The mindful watcher may have noticed that occidental orientated societies show some worrisome tendencies: on one hand a brutal liberalisation of the economy, which manifests in a widening gap of incomes**, for one example.
On the other hand, political reactionary and radical players, like Orban, Strache, Erdogan or Trump, are applauded by the masses and socialism is outmoded and used an an insult, although its accomplishments are perceived as matters of course and a basic right.
The triumph of social darwinism results in restraints under the name of freedom and security, a paradoxic radicalisation against alleged radicals.
I’m also quite familiar with the so often conjured analogy with the takeover of the national socialists by the paralyzed left-winged liberals, but nevertheless today I sense more Biedermeier than pre war time, cognitive bias is negligible.

Humans most common reaction to adversity is to duck and hope that the chalice passes by.
Exactly what Biedermeier stands for.
Originated from the left wing, the term “Leitkultur” was assimilated by the right wing and is based mostly on virtues and accomplishments of the early 19th century:
Christmas tree – originates in Biedermeier.
Coffee party – originates in Biedermeier.
The couch and home as a stronghold against the ghastly world – Biedermeier.
Children, Parents, Family and educational science – bam! Biedermeier again.
House with yard, secondary residence, idyllic countryside – wherever you look: Biedermeier!

But what ended the Biedermeier?

A revolution in Vienna, yes, in VIENNA, that, if you believe contemporary records, wasn’t very charming. Then a skirmish between Prussia and Austria which peaked in the Battle Of Königgrätz with more than 7.500 dead and another 7.500 wounded. A conflicted Austrian-Hungarian Monarchy with a political leadership that was paralyzed and helpless to meet the historical requests, heirs to an antiquated system, unable to withstand the maelstrom of entropy which led to the first world war with 9,56 mio dead.

 

Will history repeat itself?
Inevitable!
Nihil Novi Sub Sole?
Sure as death!
The “best” is yet to come?
Unfortunatly!

 

But hey, what’s with the industrial revolution?
It will happen again, but this time version 3.0, with automated and intelligent (robotic) systems, the technological singularity, aka A.I., and genetic design.
Who will drive trucks when tesla or google takes over the wheel? Who needs bankers, brokers and other scammers, if algorithms can predict the stock market much better? Who needs a grumpy sales person, if Alexa, Siri and Google Home take your orders from home? Googles A.I. is dreaming and Facebooks A.I. invents its own language, IAMUS composes music in J.S.Bach’s manner, man made silver based structures on a chip behave like neurons made of protein and act like them.
So, yes, there appears a new technological revolution on the horizon of history, the third, and its potential is to reshape society and induce a new age of mankind. Politicians are as helpless and overwhealmed as the nobility back then, the measures for the historical requests are outdated and the theories on hand antique, their failure is assured and unavoidable.
Who will bear its consequences? Not the financiers or creators, that’s for sure.

 

The “goldene Backhendlzeit***”, sung about in the “Wiener Lied****”, well, this time was no fun.
It was a time of great change, long range developments and deep diremption, of political agitation, pro-european tendencies versus static nationalism.
And a technological revolution on the rise, which left no stone standing and still reaches from approx. 200 years ago till today.
And that, what ended the “good old times”, this painful shaping of modern times, believe me, we don’t want this for ourself or our succeeding kin, how inevitable it may seem.
Simply because, alas: nihil novi sub sole.

 

 

*: the true creative knows that you don’t just have an idea. It rather dops on you like the deluge.
**: the described social gap is referred to the inside of a state/federation. The global gap is something completly different. The “refugee problem”, which is a direct effect of this gap, is the result of an ongoing exploitation based on a colonial claim to power, no matter how sugarcoated it will be named.
***: A romantic and idealized term for this certain era, literally “golden” and “fried chicken” (chicken was cheap and easy to breed).
****: a specific type of folk song, sung in dialect, usually conducted by violin and/or accordion.

 

Damals / Back Then

Streublümchen / Oddball

30. Oktober 2017

“So lebten die Bürger zwischen konservativen Wertsinn und Fortschrittstüchtigkeit. Das Genre, das sie sich geschaffen hatten, war traulich und bergend. Der Zeitgeist mochte mit den Maschinen sein, aber er hielt seine Flügel auch über Streublümchen.”
(p13)

 


 

“The bourgeoisie lived between conservative values and progressive efficiency.  The realm they created was cozy and protected. The zeitgeist may have been with the machines, but also had the oddball under its wings.”

 

 

Annemarie Weber, Immer auf dem Sofa – Das familiäre Glück vom Biedermeier bis heute.
Severin und Siedler, Berlin, 1982
ISBN 3-88680-039-3
Bild: Carl Spitzweg, Jugendfreunde, CCC
Damals / Back Then

Idyllisches Familienleben / Arcadian Family Life

27. Oktober 2017

“Für die unteren Schichten der Gesellschaft, und das heisst für ihre Mehrheit, war das Biedermeier alles andere als ein idyllisches Familienleben. Ganz im Gegenteil können wir in dieser Periode den Zerfall und die Auflösung von Familienstrukturen konstatieren. Einen zunehmende Zahl von Menschen lebte ohne eigene Familie, als Lehrling, Geselle oder Dienstbote im Haushalt des Arbeitgebers oder fand als Bettgeher oder Untermieter eine kärgliche und instabile, vereinzelte Existenz.”

 


 

“For the lower social strata of the society, hence it’s majority, Biedermeier was everything but an arcadian family life. Quite the contrary, we can state the decay and disbandment of the family structure. A growing number of people lived without their own family, as apprentice, journeyman or domestic in the employer’s house, or found a meager, unstable and detached existence as lodger or ‘bettgeher*’”

 

*:a person just renting the bed for the time when the host is at work, or workers sharing one bed during shifts pE in a factory

 

Der Wandel der Familienstruktur im Wiener Biedermeier, Joseph Ehmer
Bürgersinn und Aufbegehren, Biedermeier und Vormärz in Wien, 1815-1848
1988, Museen der Stadt Wien und Jugend und Volk, Wien
ISBN 3-224-16741-6
Bild: CCC
Damals / Back Then

Volkswohlstand / Prosperity Of The Nation

23. Oktober 2017

“Die Männer der Wirtschaft setzten auf laisser faire, auf das Geschehen-lassen. Sie wollten möglichst wenig staatliche Eingriffe. Im freien Spiel der Kräfte, so meinten sie, werde sich die Wirtschaft und damit der gesamte Volkswohlstand am besten entwickeln. Die Beamten hatten jedoch viel Verständnis für staatliche Lenkung, schon weil sie selbst daran beteiligt waren.”

 


 

“The men of economy bet on laisser faire, on let-things-happen.They wanted as few interventions of the state as possible. They believed that the best way for the development of economy, hence the prosperity of the nation, is the free play of forces. The magistrate had great sympathy for the guidance of the state, especially because of their involvement.”

 

 

Quelle / Source:
Gerhard Schildt
Aufbruch aus der Behaglichkeit – Deutschland im Biedermeier 1815-1847
, p152
Westermann, Braunschweig 1989, ISBN 3-07-509038-7
Bild: Kaiserhaus, CCC

 

Damals / Back Then

Politischer Geist / Political Intellect

18. Oktober 2017

“Allerdings bezweifelten manche Autoren, dass ein politischer Geist in die österreichische Nation überhaupt vorgedrungen sei. Die Bevölkerung zeigte gegenüber den Ereignissen in der Welt grosse Gleichgültigkeit.”

 


 

“But some writers believed that political intellect never expanded into the austrian nation. The population showed great indifference to the world’s basic events.”

 

Biedermeier und Vormärz – Sinnesart einer Zeitspanne, Robert Waissenberger
Bürgersinn und Aufbegehren, Biedermeier und Vormärz in Wien, 1815-1848
1988, Museen der Stadt Wien und Jugend und Volk, Wien
ISBN 3-224-16741-6
Bild: Friedrich Eduard Meyerheim, Kegelgesellschaft, CCC

 

Damals / Back Then

A‘ B’soffene G’schicht‘ / A Drunken Bet

7. Juli 2017

“Zahlreiche Reisebeschreibungen sind uns erhalten: einer der skurrilsten Autoren ist sicherlich Joseph Kyselak gewesen (1799-1831), ein Beamter der Hofkammer in Wien…
(…)
…er huldigte dabei der uralten Unsitte des Hinterlassens seiner Unterschrift in besonders markanter Weise, indem er seinen Namenszug mit Hilfe einer Schablone an möglichst schwer zugänglichen Stellen (Felswänden, Schluchten, aber auch an Häusern und Kirchtürmen) anbrachte.”

 

Angeblich hat Joseph mit dem ‘Tagging’ aufgrund einer Wette mit seinen Freunden beim Wirten am Spittelberg begonnen: er setzte 100 Gulden, dass sein Name innerhalb von drei Jahren in “Stadt und Land” berühmt wäre. A’ b’soffene G’schicht, also – und das macht die Legende sehr plausibel…

 

 

“Many travelogues are preserved: one of the oddest authors was Joseph Kyselak (1799-1831), a magistrate of the “Hofkammer” in Vienna…
(…)
…he pursued the ancient and bad habit of leaving his signature in a most distinctive way, by applying his stencil at inaccessible places, like cliffs, gorges, but also on houses and church spires.”

 

Allegedly Joseph started ‘tagging’, because he wagered 100 Gulden with his friends in a tavern at the Spittelberg, that his name would be known in “city and country”. Thus it seems like a classical drunken bet, which makes this story even more believable…

 

 

“Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande…” – Landpartie und Tourismus im Biedermeier, Peter Csendes
in:
Bürgersinn und Aufbegehren, Biedermeier und Vormärz in Wien, 1815-1848
1988, Museen der Stadt Wien und Jugend und Volk, Wien
ISBN 3-224-16741-6
Bilder: Waldmüller & Kirche in Kilb, beide CCC