Kategorie: Damals / Back Then

Damals / Back Then

A‘ B’soffene G’schicht‘ / A Drunken Bet

7. Juli 2017

“Zahlreiche Reisebeschreibungen sind uns erhalten: einer der skurrilsten Autoren ist sicherlich Joseph Kyselak gewesen (1799-1831), ein Beamter der Hofkammer in Wien…
(…)
…er huldigte dabei der uralten Unsitte des Hinterlassens seiner Unterschrift in besonders markanter Weise, indem er seinen Namenszug mit Hilfe einer Schablone an möglichst schwer zugänglichen Stellen (Felswänden, Schluchten, aber auch an Häusern und Kirchtürmen) anbrachte.”

 

Angeblich hat Joseph mit dem ‘Tagging’ aufgrund einer Wette mit seinen Freunden beim Wirten am Spittelberg begonnen: er setzte 100 Gulden, dass sein Name innerhalb von drei Jahren in “Stadt und Land” berühmt wäre. A’ b’soffene G’schicht, also – und das macht die Legende sehr plausibel…

 

 

“Many travelogues are preserved: one of the oddest authors was Joseph Kyselak (1799-1831), a magistrate of the “Hofkammer” in Vienna…
(…)
…he pursued the ancient and bad habit of leaving his signature in a most distinctive way, by applying his stencil at inaccessible places, like cliffs, gorges, but also on houses and church spires.”

 

Allegedly Joseph started ‘tagging’, because he wagered 100 Gulden with his friends in a tavern at the Spittelberg, that his name would be known in “city and country”. Thus it seems like a classical drunken bet, which makes this story even more believable…

 

 

“Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande…” – Landpartie und Tourismus im Biedermeier, Peter Csendes
in:
Bürgersinn und Aufbegehren, Biedermeier und Vormärz in Wien, 1815-1848
1988, Museen der Stadt Wien und Jugend und Volk, Wien
ISBN 3-224-16741-6
Bilder: Waldmüller & Kirche in Kilb, beide CCC
Damals / Back Then

Seelenadel / Nobility Of The Soul

30. Juni 2017

Der Bürger glaubte an Seelenadel, an die inneren Werte der Menschen, auch wenn die Zeichen der Zeit so stark auf die äusseren Werte gerichtet waren. (…) Im Bürgertum waren zur selben Zeit auch fortschrittliche und humane Bestrebungen spürbar. Gegen die Todesstrafe, für einen verbesserten Strafvollzug gab es veröffentlichte Meinungen.”
(p63)

 


 

“The burgess believed in the nobility of the soul, in the personal qualities of men, although the zeitgeist drew the attention more to external values. (…) The bourgeoisie showed progressive and humane ambitions. Records show public opinions against death penalty or for a better penal system.”

Damals / Back Then

Die Eigentliche Gefahr / The Actual Endangerment

27. Juni 2017

“Die eigentliche Gefahr sind nicht die Parteien der Kommunisten, Sozialisten und Radikalen, deren es in jedem Staat und zu allen Zeiten gegeben hat, die eigentliche Gefahr sind nicht die im Stillen wirkenden Väter der Gesellschaft Jesu und ihrer Freunde, die die Verdumpfung des Volkes als das einzige Heil, als den einzigen Rettungsanker darstellen, die eigentliche Gefahr ist die, dass die Unzufriedenheit, von der jene Parteien so geschickt Gebrauch zu machen wissen, so allgemein verbreitet, so wohl begründet ist…”
(Hohenlohe-Schillingsfürst, Fürst Chlodwig zu: Denkwürdigkeiten, Bd 1, 1907, p39f)
(p330)

 


 

“The actual endangerment are not the communist, socialist or radical parties, which existed in every state at any time, the actual endangerment is not the secret acting fathers of the society of jesus and it’s friends, who constitute that the stultification of the people is the only salvation, the only sheet anchor, the actual endangerment is, that the discontent, of which these parties so clever make use of, is so widespread, and so well-founded…”

 

Gerhard Schildt
Aufbruch aus der Behaglichkeit – Deutschland im Biedermeier 1815-1847
Westermann, Braunschweig 1989, ISBN 3-07-509038-7
Bild: Studentisches Stammbuchblatt, Würzburg 1815, CCC
Damals / Back Then

Brigittakirtag

23. Juni 2017

“Zu den Festen der Wiener gehörte auch der Brigittakirtag, der ebenfalls im Sommer in der Brigittenau (Anm.: heute der 20. Wiener Gemeindebezirk) stattfand. Es handelte sich dabei um ‘das eigentliche Volksfest der Wiener’. Es fand an zwei aufeinanderfolgenden Tagen statt, und jeweils 40.000 bis 80.000 Besucher nahmen daran teil.”
(Anm.: Wien hatte zu dieser Zeit ca 290.000 Einwohner, davon knapp 50.000 innerhalb der Stadtmauer.*)

 


 

“One of the festivities of the viennese was the ‘Brigittakirtag’, which also was taking place in summer in the ‘Brigittenau’ (e.n.: today the 20th district in Vienna). It was the ‚actual fair of the viennese’. It took place on 2 succeeding days, each with 40.000 to 80.000 attendees.”

(e.n.: Vienna’s number of inhabitants at this time was about 290.000 people, thereof 50.000 inside the city wall.*)

 

Bürgersinn und Aufbegehren, Biedermeier und Vormärz in Wien, 1815-1848
1988, Museen der Stadt Wien und Jugend und Volk, Wien
ISBN 3-224-16741-6
Bild: Neder-Fümfkreuzertanz, Donauinselfest, beide CCC

 

*: Zahlen Donauinselfest / Numbers Donauinselfest:
Approx 3,1 Mio Besucher/attendees 2016; 1,8 Mio Einwohner innerhalb der Stadtgrenzen/inhabitants inside the city limits (2016)

E.n.: The Donauinselfest is one of the biggest open air festivals in Europe, it takes place on a weekend in june and is completely free of admission. The location is the Donauinsel, which is between the 2nd/20th and 21th/22th district. The isle was built as a part of a flood control measure for the danube and is one of the biggest recreational areas in Vienna.

 

Damals / Back Then

Eine Moralische Frage / A Moral Question

21. Juni 2017

“Am leichtesten machten es sich jene, die den Armen vorwarfen, sie hätten nicht genug gespart, oder sie hätten nicht heiraten sollen, dann brauchten sie auch keine Familie zu versorgen. Solche Beobachter warfen den Arbeitslosen Faulheit vor, den Hungernden Arbeitsscheu, den Verzweifelnden Trunksucht, den Elenden Liederlichkeit. Die Soziale Frage ist eine moralische Frage, behaupteten sie. In der Tat hätte sich manches Einzelschicksal durch noch mehr Selbstdisziplin bessern können, aber im grossen und ganzen waren solche moralischen Appelle ungeeignet, das Problem zu lösen, zumal sie von Leuten kamen, die sich selbst keine Entbehrungen aufzuerlegen brauchten.”
(p319)

 


 

“The easy path was taken by those, who accused the poor of not saving enough, or that they should not have married, because then they wouldn’t have to support a family. Such observers blamed the unemployed of laziness, the hungry of being unwilling to work, the desperate of vinosity, the miserable of looseness. The social question is a moral question, they alleged. Indeed, some individual fate would have been improved with even more self discipline, but, on the whole, such moral pleas were unfit to solve the problem, especially from people, who didn’t need to impose privation on themselfs.”

 

Gerhard Schildt
Aufbruch aus der Behaglichkeit – Deutschland im Biedermeier 1815-1847
Westermann, Braunschweig 1989, ISBN 3-07-509038-7
Bild: Waldmüller, CCC

 

Damals / Back Then

Lebensangst / Angst

18. Juni 2017

“Die Lebensangst war allgemein und prägte sich deutlich in die herrschende Mentalität.

‘Da wird einem halt angst und bang,
Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang’

Dieser Vers Nestroys im ‘Kometenlied’ aus dem ‘Lumpazivagabundus’ schliesst wohl unmittelbar an diese Mentalität der Weltangst an… (…) Doch mögen wir den Kometen, der da angeblich die Welt bedroht, als Synonym verstehen. Die Angehörigen der adeligen Stände hatten intensiver die Schicksale der in der Französischen Revolution zu Schaden gekommenen Angehörigen des privilegierten Standes erlebt. Von ihrem Standpunkt aus war es notwendig, alles zu unternehmen, um den Ausbruch von Revolutionen, aber auch alles Streben nach gesellschaftlicher Veränderung schlichtweg zu verhindern. Wie immer in solchen Fällen glaubte man im uneingeschränkten Gebrauch der Staatsgewalt, dem Einsatz der Polizei, das einzig wirksame Gegenmittel gefunden zu haben. Niemand befasste sich – wie das übrigens nie geschieht – damit, das Übel an der Wurzel zu fassen, zu bessern, zu ändern, wo die Zustände nach Besserung und Änderung verlangten, sondern man regierte mit der Vorstellung, dass man ohnehin die beste aller Welten in Besitz hatte.”

 


 

“Angst was ubiquitous and molded the common mentality:

‘We’re upset and hung up
The world won’t last long’

The verse from the ‘Kometenlied’ (comets song) in Nestroy’s play ‘Lumpazivagabundus’ phrases the mentality of this angst… (…). But we might understand this comet as a synonym. The members of the nobility witnessed quite more intense the fate of the privileged class during the French Revolution. From their view it was most necessary to prevent the outbreak of revolutions and to anticipate any change in society’s status quo. As always in these cases, absolute authority of the state, the deployment of the police, was believed to be the only instrument for, the only corrective to this situation. As it never happens, no one engaged oneself in eradicating the root of evil, to improve, to change, where the situation needed to be improved, to be changed, but rather reign in the perception of owning the best of all worlds.”

 

 

Bürgersinn und Aufbegehren, Biedermeier und Vormärz in Wien, 1815-1848
1988, Museen der Stadt Wien und Jugend und Volk, Wien
ISBN 3-224-16741-6
Bild: Carl Spitzweg, CCC
Damals / Back Then

Gute Alte Zeit! / Good Old Times!

15. Juni 2017

“Man hatte Sehnsucht nach der Guten Alten Zeit, man verklärte sie. Wie gediegen und solide erschien jetzt die bürgerliche Kultur der Grossväterzeit! Natürlich sah man nicht die Not jener Jahre, sondern nur die ‘Tugend’, die die Grossvätergeneration aus dieser Not zu machen verstand. Man sah nicht die lähmende Beschränktheit der gesellschaftlichen Verhältnisse, sondern die sogenannte ‘freiwillige’ Beschränkung auf das sogenannte Wesentliche. Damals, so argumentierte man, wollten die Menschen mehr sein als scheinen. (…)
Gute Alte Zeit! Die Unfähigkeit, die eigenen gesellschaftlichen Widersprüche mit dem Blick auf die Zukunft zu lösen, führte auch in diesem Fall in die Flucht in die Vergangenheit.”
(p13)

 


 

“People were yearning for the ‘Good Old Days’ and glorified them. How dignified and solid appeared the bourgeoisie culture in the days of the grandfathers to be! Naturally, no one saw the hardship of these times, they just noticed the ‘virtues’ that had been altered from this adversity by the grandfather’s generation. They didn’t see the crippling narrowness of society’s conditions, but rather the confinement to the so-called essence ‘by choice’. Back then, they reasoned, people wanted just to be than appear to be. (…)
Good Old Times! The incompetence to resolve one’s own social inconsistencies with a vision for the future led, also in this case, in taking refuge in the past.”

 

Renate Krüger, Biedermeier, Eine Lebenshaltung zwischen 1815 und 1848
Koehler und Amelang (VOB), Leipzig, 1979, 2. Aufl. 1982,
ISBN nicht vorhanden, Lizenznummer 295/275/2407/82
Bild: Biedermeier Bilderuhr, CCC
Damals / Back Then

Leistung Oder Beziehung? / Performance Or Ties?

12. Juni 2017

“Viel deutlicher bekam es der Adel zu spüren, dass der Zeitgeist ihm entgegen stand. Nach Leistung wurde gefragt. Was einer kann, was einer schafft, was einer für Produktion, Handel, Verwaltung und Heerwesen leistet, das sollte gelten. Dem Bauern gehörte die allgemeine Achtung. Niemand bezweifelte seinen Wert für die Gesellschaft, aber wie stand es mit einem Grundherren, der nur Abgaben einzog? Was leistete der Besitzer eine Rittergutes, wenn doch die ganze körperliche Arbeit durch Tagelöhne getan wurde? War es Arbeit, wenn er das Gut verwaltete? Oder war seine Tätigkeit nicht doch parasitär? Und die Adeligen, die in der Verwaltung und im Heer die höheren Stellen innehatten, verdankten sie das ihrer Leistung oder ihren Beziehungen? Solche kritischen Fragen waren geeignet, die Dominanz des Adels zu untergraben.”
(p87)

 


 

“Much more learned the nobility that it was in opposition to the zeitgeist. Performance was required. What one is able of, what one can achieve, what’s done for production, trade, management and soldiery, that should prevail. The general public showed respect to the farmers. Nobody doubted their value for the society, but what’s with the landlord, who just levies duties? What is provided by the owner of a manor, if the whole manual chores are done by the day laborer? Is it work, if he manages the estate? Or was his function rather parasitic? And the nobility, who kept the high positions in management and the military, was this due to performance or their ties? Such critical issues were able to undermine the nobility’s dominance.”

 

 

Gerhard Schildt
Aufbruch aus der Behaglichkeit – Deutschland im Biedermeier 1815-1847
Westermann, Braunschweig 1989, ISBN 3-07-509038-7
Bild: Wikimedia CCC
Damals / Back Then

Versöhnend, ruhig & bequem – Reconciliatory, calm & comfortable

9. Juni 2017

„Soziale Revolutionen, einen gewaltsamen Umsturz der bestehenden Regierungsformen und deren Ersatz durch unbekannte Größen, wünscht heutzutage niemand, denn die heutige Welt ist zu sehr erpicht auf materiellen Genuss und industriellen Gewinn, um diese Güter gewissen Theorien zufolge auf das Spiel zu setzen. Im Gegenteil: was man mit Bestimmtheit und überall will, ist ein versöhnender ruhiger, bequemer Friedenszustand, und wer ihn den Völkern verbürgt, ist ihnen bei der ziemlich allgemein vorherrschenden Gleichgültigkeit gegen höhere Prinzipien willkommen“.

Metternich, einige Jahrzehnte nach dem Wiener Kongress

 


 

“Social revolutions, a violent overthrow of the present form of government and the reimbursement with an unknown variable, nobody wants that today, because today’s world is more eager for material enjoyment and economic profit, than to put these things at stake for certain theories. On the contrary: a reconciliatory, calm and comfortable state of peace is doubtlessly desired everywhere, and he, who affirms this peace to the people, is, due to the predominant indifference to higher principles, most welcome.”

Metternich, decades after the “Wiener Kongress”

 

Wien (APA) – Zitate über den Wiener Kongress (1814/15) und Kongressteilnehmer
Bild: Fürst Metternich, CCC