Kategorie: Warum Neobiedermeier

Warum Neobiedermeier

warum neobiedermeier

27. November 2016

Mit zunehmender Komplexität der Gesellschaft durch sich rapid entwickelnde Technologie und der permanent steigenden Ansprüche an den Lebensstandard werden Hilferufe nach der “guten alten Zeit” immer deutlicher. Die Menschen, die mit obiger Komplexität überfordert sind, referenzieren sich meist auf jene Periode der europäischen Geschichte, in der das “Biedermeier”, in Österreich auch oft die “Backhendlzeit” genannt, seine Hochblüte hatte.

Due to the society’s increasing complexity and the rapidly developing technology the lamenting for the “good old times” is getting louder. Those, who are unable to cope with these facts, mostly refer to that part of european history when the “Biedermeier” was at it’s zenith.

„Schau, dort spaziert Herr Biedermeier
und seine Frau, den Sohn am Arm;
sein Tritt ist sachte wie auf Eier,
sein Wahlspruch: Weder kalt noch warm.“

Gottlieb Biedermaier war eine treuherzige und spiessbügerliche Figur, die 1847 von Ludwig Pfau zum ersten mal in obigen Gedicht erwähnt wurde und unter dessen Namen Ludwig Eichrodt und Adolf Kussmaul ab 1855 Gedichte in den Münchner Fliegenden Blättern veröffentlichten.

Der Name ist ein Gemenge aus zwei Gedichten aus ebendieser Veröffentlichungen, Biedermanns Abendgemütlichkeit und Bummelmaiers Klage von Jospeh Victor von Scheffel.

 

Erst im 20ten Jahrhundert wurde „Biedermeier“ als Begriff einer Stilzugehörigkeit verwendet und nicht mehr als Spott, Schmähung oder Wertung kleinbürgerlicher Kultur.

Das, was das Biedermeier ausmacht, hat die Künste aber nie verlassen. Es wurde romantisiert, interpretiert und immer wieder thematisiert, in Bildern, in Romanen und im darstellenden Spiel war seither das “Bürgerliche” in wechselnder Intensität vorhanden.

 

In der Neuordnung Europas nach den napoleonischen Kriegen wurde nach dem Wiener Kongress vorallem von Fürst von Metternich geprägt, der mit der Restauration die Macht des Adels wiederherstellte und das gewöhnliche Volk von politischer Mitbeteiligung ausschloss. Freiheitliche Tendenzen wurden unterdrückt, es entstand ein Polizeistaat, der seine Bürger bespitzelte, überwachte und inhaftierte. Es gab umfangreiche & restriktive Reisebestimmungen, Zensur war an der Tagesordnung, und, wenn man es analog zur heutigen Zeit sehen will, „Menschenrechtsverletzungen“ waren unter dem Deckmantel der „Staatssicherheit“ keine Seltenheit.

Deswegen zogen sich die Menschen aus der Öffentlichkeit in die Idylle Familie und des Eigenheimes zurück. Das Private steht im Vordergrund, das Handeln der Menschen bleibt im Hintergrund, sie scheuen die Öffentlichkeit – manche verweigern sich sogar dieser.

In der Literatur tritt die Sehnsucht nach einfachem Leben, die Liebe für die Einsamkeit, Eigenbrötler und Käuze in den Vordergrund; viele Handlungen spielen im unmittelbaren Lebensraum der Dichter & Autoren.

Die Bildende Kunst wird von häuslichen Szenen, umliegenden Landschaften und familiären Idyll dominiert, Innenaussattung und Artikel häuslichen Bedarfes erleben eine Hochblüte.

Kunst und Kultur hatte grosse Bedeutung um dem harten Alltag, der sozialen und politischen Unsicherheit zu entfliehen, der heutige Begriff der „Freizeit“ hat seinen Urspung in dieser Epoche.

Man traf sich Zuhause, im Kaffeehaus, im Tanzlokal oder machte einen Ausflug.

 

 

All dies klingt sehr vertraut.

Und aktuell.

Wir leben heute in einem neuen Biedermeier, einem Neobiedermeier.

Nicht enden wollende DIY-Tipps, grow-your-own-food-Kampagnen, Heimdekorationsideen, zahllose „Entschleunigungs“- & Meditationsseiten und, nicht vergessen, die wundersam erklugten Lebensweisheiten, die nicht nur auf die Werte in coelho’schen Tiefgang für’s Leben hinweisen, sondern sicher auch noch eines Tages die Welt retten werden, all dies trifft auf endlose Diskussionen und Berichte über Vorratsdatenspeicherung, Grenzzäune, Polizeigewalt und korrupte Politik.