Kategorie: Was ist Neobiedermeier

Was ist Neobiedermeier, Why Neobiedermeier

Aus Spass Wurde Ernst / When Fun Turned Serious

1. November 2017

Als mich die Idee zu dem Projekt neobiedermeier.com überkam*, so stand der künstlerische Aspekt im Vordergrund – Bilder von Damals ins Heute zu transponieren – Freude daran und Ideen dazu habe ich noch jede Menge, keine Sorge.
Doch in der Auseinandersetzung mit dieser Epoche, dem Wiener Kongress, dem Biedermeier, dem Vormärz und der Wiener Revolution, in der Recherche nach darstellungswürdigen Parallelen, bemerkte ich schnell, dass sich unter der luftig-leichten Idee doch mehr verbarg.
Wikipedia sagt uns, dass der Vormärz „in politischer Hinsicht durch das Aufkommen von Liberalismus und Nationalismus in einem Klima der Verfolgung und Unterdrückung“ beschrieben wird.

So. Schön und gut.
Mein Vater hat versucht mir die Grenzen der Biedermeier-Analogie mit der noch nicht vollzogenen sozialistischen Bewegung, die ja eine direkte Folge der 1. industriellen Revolution war, aufzuzeigen und dass die historischen Voraussetzungen nicht vergleichbar seien.
Darüber habe ich nachdenken müssen. Mehr als 1 Jahr beschäftigt mich das jetzt.

Den Aufmerksamen wird es nicht entgangen sein, dass westlich orientierte Gesellschaften gewissen besorgniserregenden Tendenzen unterworfen sind: einerseits einer brutalst vollzogenen Liberalisierung der Märkte, die sich, um nur ein Beispiel zu nennen, in einem Auseinanderklaffen der Einkommensunterschiede manifestiert**.
Anderseits finden reaktionäre und radikale politische Akteure wie ein Herr Orban, ein Strache, Erdogan oder Trump tosenden Beifall der Massen und der altmodische und zu einem Schimpfwort verkommene Sozialismus ist nahzu verschwunden, wenngleich die Errungenschaften desselben als selbstverständlich und Grundrecht empfunden werden. Der Erfolg des Sozialdarwinismus führt zu Zwängen unter dem Schlagwort der Freiheit und Sicherheit, einer paradoxen Radikalisierung gegen vermeintlich Radikale.
Mir sind auch die von paralysierten Links-Liberalen viel beschworenen Parallelen zur Machtergreifung der Nationalsozialisten bestens bekannt, aber trotzdem sehe ich im Heute mehr Biedermeier als Vorkriegszeit, kognitive Verzerrung hin oder her.

Die häufigste Reaktion der Menschen auf widrige Umstände ist den Schädel einzuziehen und zu hoffen, dass der Kelch an einem vorübergeht.
Also genau das, was das Biedermeier kennzeichnet.
Der ursprünlich linke Begriff der „Leitkultur„, der von der Rechten schwämmchengleich aufgesogen und assimiliert wurde, beruht im Wesentlichen auf Tugenden & Entwicklungen des frühen 19 .Jahrhunderts:
Weihnachtsbaum – aus dem Biedermeier.
Kaffeekränzchen – aus dem Biedermeier.
Die Couch und das Heim als Bollwerk gegen die grausliche Welt – Biedermeier.
Kinder, Eltern, Familie und Pädagogik – Bamm! Wieder Biedermeier.
Haus mit Garten, Zweitwohnsitz am Land, ländliches Idyll – Biedermeier wohin man auch schaut!

Aber was stand am Ende des Biedermeiers?
Eine Revolution in Wien, ja, in WIEN!, die, wenn man den Berichten Glauben schenken darf, nicht sehr schön war. Danach ein Geplänkel zwischen Preussen und Österreich, das in der Schlacht von Königgrätz mit mehr als 7.500 Toten und ebensovielen Verwundeten seinen Höhepunkt fand, einer durch innere Konflikte geprägten österreichisch-ungarischen Monarchie, deren politische Führung dieser Zerrissenheit und den Anforderungen einer Zeit der Veränderungen ratlos gegenüberstand, Erben eines seit Jahrhunderten bestehenden, antiquierten Systems, das dem unerbittlichen Sog der Entropie nicht widerstehen konnte und das Ende im ersten Weltkrieg mit 9,56 Millionen Toten fand.

Wiederholt sich die Geschichte?
Unvermeidlich!
Nihil novi sub sole?
Fix, oida!
The „best“ is yet to come?
Unfortunatly!

Aber, hey, was ist jetzt mit der industriellen Revolution?
Ja, die kommt auch wieder, diesmal in der Version 3.0, mit automatisierten & intelligenten (robotischen) Systemen, der technologischen Singularität, aka A.I., und genetischem Design.
Wer fährt LKW, wenn Tesla & Google steuern? Was passiert mit Brokern, Bankern und anderen Betrügern, wenn Algorithmen die Aktienströme der Börsen besser vorhersagen können? Wer braucht einen grantigen Verkäufer, wenn Alexa, Siri oder Google Home die Bestellung von Zuhause aufnehmen? Googles A.I. träumt und Facebook’s K.I. erfindet ihre eigene Sprache, IAMUS komponiert klassische Werk im Stil von J.S.Bach, von Menschen auf einem Chip hergestellte Strukturen aus metallischem Silber verhalten sich wie Neuronen aus Protein und stehen deren Funktionsweise um nichts nach.
Also, ja, hier taucht eine weitere technologische Revolution, die dritte, am Horizont der Geschichte auf, eine die das Potential trägt, die Gesellschaft neu zu strukturieren, zu modellieren und eine neue Ära einzuleiten. Fragen und Anforderungen an eine Politik, die diesen mit derselben Ratlosigkeit wie weiland der Adel gegenübersteht und mit längst überkommenen Systemen und antiquierten Theorien zwangsweise scheitern wird.
Wer wird wohl die ersten Folgen derselben spüren? Sicherlich nicht die Finanziers und Urheber derselben.

 

Die „goldene Backhendlzeit“, die im Wienerlied und auch heute noch von manchen romantisiert wird, die war keine lustige Zeit.
Es war eine Zeit grosser Umbrüche, weitreichender Entwicklungen und tiefer sozialer Zerrissenheit, politischem Machtstreben mit pro-europäischen Tendenzen gegen statischen Nationalismus.
Und einer technologischen Revolution am damaligen, noch etwas kleineren Horizont, die aber in der damaligen Gesellschaft keinen Stein auf dem anderen lassen sollte und nun fast schon 200 Jahre bis in die Gegenwart reicht.
Und was am Ende, dem Abschluss, der „guten, alten Zeit“ steht, am Ende dieser schmerzhaften Modellierung der Moderne, das wollen wir heute weder für uns oder unsere Kinder, wirklich niemand von uns, wie unvermeidlich es auch immer scheinen mag.

Denn, leider: nihil novi sub sole.

 

 

*: Jeder, der kreativ ist, weiss, dass man Ideen nicht „hat“. Sondern sie wie eine Sintflut über einen hereinbrechen.

**: Die beschriebene soziale Schere beziehe ich auf die innerhalb des Landes/Staatenbundes. Die globale Schere ist etwas komplett anderes. Das „Flüchtlingsproblem“, das eine direkte Folge davon ist, ist die Frucht der noch immer stattfindenden Ausbeutung aufgrund kolonialer Herrschaftsansprüche, egal wie modern und kreativ man sie auch formulieren mag.

 


 

The artists aspect stood in the foreground as the idea for neobiedermeier.com dropped* on me – to transpond images from back then to today – there are enough ideas left, no sweat.

In my research for new “worthy” images and in digging deeper into this era, the Congress of Vienna, the Biedermeier, the Vormärz and the Revolution of 1848, I learned quickly that there’s more than meets the eye.
Regarding politics the Vormärz is described as a period in which liberalism and nationalism were rising in an atmosphere of oppression and persecution.

Well. And now?
My father tried to show me the thresholds of the Biedermeier analogy, because the socialist movement hasn’t happened yet. Indeed socialism was a result of the first industrial revolution and this specific precondition is not comparable.

This was something I had to think about. It bothers me since a year.

The mindful watcher may have noticed that occidental orientated societies show some worrisome tendencies: on one hand a brutal liberalisation of the economy, which manifests in a widening gap of incomes**, for one example.
On the other hand, political reactionary and radical players, like Orban, Strache, Erdogan or Trump, are applauded by the masses and socialism is outmoded and used an an insult, although its accomplishments are perceived as matters of course and a basic right.
The triumph of social darwinism results in restraints under the name of freedom and security, a paradoxic radicalisation against alleged radicals.
I’m also quite familiar with the so often conjured analogy with the takeover of the national socialists by the paralyzed left-winged liberals, but nevertheless today I sense more Biedermeier than pre war time, cognitive bias is negligible.

Humans most common reaction to adversity is to duck and hope that the chalice passes by.
Exactly what Biedermeier stands for.
Originated from the left wing, the term “Leitkultur” was assimilated by the right wing and is based mostly on virtues and accomplishments of the early 19th century:
Christmas tree – originates in Biedermeier.
Coffee party – originates in Biedermeier.
The couch and home as a stronghold against the ghastly world – Biedermeier.
Children, Parents, Family and educational science – bam! Biedermeier again.
House with yard, secondary residence, idyllic countryside – wherever you look: Biedermeier!

But what ended the Biedermeier?

A revolution in Vienna, yes, in VIENNA, that, if you believe contemporary records, wasn’t very charming. Then a skirmish between Prussia and Austria which peaked in the Battle Of Königgrätz with more than 7.500 dead and another 7.500 wounded. A conflicted Austrian-Hungarian Monarchy with a political leadership that was paralyzed and helpless to meet the historical requests, heirs to an antiquated system, unable to withstand the maelstrom of entropy which led to the first world war with 9,56 mio dead.

 

Will history repeat itself?
Inevitable!
Nihil Novi Sub Sole?
Sure as death!
The “best” is yet to come?
Unfortunatly!

 

But hey, what’s with the industrial revolution?
It will happen again, but this time version 3.0, with automated and intelligent (robotic) systems, the technological singularity, aka A.I., and genetic design.
Who will drive trucks when tesla or google takes over the wheel? Who needs bankers, brokers and other scammers, if algorithms can predict the stock market much better? Who needs a grumpy sales person, if Alexa, Siri and Google Home take your orders from home? Googles A.I. is dreaming and Facebooks A.I. invents its own language, IAMUS composes music in J.S.Bach’s manner, man made silver based structures on a chip behave like neurons made of protein and act like them.
So, yes, there appears a new technological revolution on the horizon of history, the third, and its potential is to reshape society and induce a new age of mankind. Politicians are as helpless and overwhealmed as the nobility back then, the measures for the historical requests are outdated and the theories on hand antique, their failure is assured and unavoidable.
Who will bear its consequences? Not the financiers or creators, that’s for sure.

 

The “goldene Backhendlzeit***”, sung about in the “Wiener Lied****”, well, this time was no fun.
It was a time of great change, long range developments and deep diremption, of political agitation, pro-european tendencies versus static nationalism.
And a technological revolution on the rise, which left no stone standing and still reaches from approx. 200 years ago till today.
And that, what ended the “good old times”, this painful shaping of modern times, believe me, we don’t want this for ourself or our succeeding kin, how inevitable it may seem.
Simply because, alas: nihil novi sub sole.

 

 

*: the true creative knows that you don’t just have an idea. It rather dops on you like the deluge.
**: the described social gap is referred to the inside of a state/federation. The global gap is something completly different. The “refugee problem”, which is a direct effect of this gap, is the result of an ongoing exploitation based on a colonial claim to power, no matter how sugarcoated it will be named.
***: A romantic and idealized term for this certain era, literally “golden” and “fried chicken” (chicken was cheap and easy to breed).
****: a specific type of folk song, sung in dialect, usually conducted by violin and/or accordion.

 

Was ist Neobiedermeier

was ist neobiedermeier?

27. November 2016

Das Wesen der Metapher hinkt immer, die heutige Gesellschaft ist vom Biedermeier durch die industrielle Revolution, und dem damit untrennbar verbundenen Sozialismus, im 19. & 20. Jahrhundert getrennt. Der globale und massgebliche Fortschritt des 21. Jahrhunderts besteht in der Entwicklung digitaler Technologie und der damit verbundenen Vernetzung aller gesellschaftlicher Schichten und teilhabenden Kulturen.

Wir sind Zeugen eines Umbruches, dessen gesellschaftliche Konsequenzen in keinster Weise abzuschätzen sind.

Weitschichtigste Verflechtungen scheinen den neuronalen Prozessor des Homo Sapiens zu überfordern und bewährte Problemlösungsstrategien der Vergangenheit erzielen bei den hochkomplexen Zusammenhängen keine Lösungen mehr. Der Grossteil der Reaktionen besteht entweder in der Verstärkung der schon ineffektiven und sinnlosen Massnahmen oder in einer Regression in altbekanntes und somit überschaubares Terrain. Gleichzeitig ist die digitale Nabelschnur allgegenwärtig, das permanente Teilen alltäglicher und banaler Inhalte hat die Züge des Verhaltens eines Insektenschwarmes. Jene Technologie, die uns der Notwendigkeit direkter menschlicher Interaktion beraubt hat, wird zur Kompensation der durch sie entstandenen Entfremdung verwendet. Das Substitut wird zum Selbstzweck und ersetzt das Originäre.

In einem chaotischen Universum schafft die Illusion von Kontinuität Identität und mentale Stabilität, Veränderung wird von uns domestizierten Primaten eher als Bedrohung denn als Segen empfunden, als Individuum oder als Gesellschaft.

Das ist das Leitmotiv dieses Projektes: der Versuch, Bilder aus dem Leben der Menschen einer scheinbar einfacheren Vergangenheit in das Heute zu transponieren. Und die Omnipräsenz der digitalen Nabelschnur bewusst zu machen.

Auch wenn der Fluss der Zeit Rahmenbedingungen ändert, die zentralen Themen der Menschheit bleiben doch über alle Zeitalter gleich.

Der auf zartem Büttenpapier verfasste Liebesschwur ist nun eine Whatsapp-Nachricht. Die unerfreuliche Parte bringt nicht die Post, sie trifft nun als Email ein. Freundinnen kichern nun über Bilder des Liebsten auf Facebook. Google ersetzt das Lexikon. Nicht der Bauernhof ist der Nahversorger des urbanen Menschen, der Supermarkt hat diese Rolle übernommen. Zeugen von Technologie und Zivilisation sind allgegenwärtig.