Damals / Back Then

Streublümchen / Oddball

30. Oktober 2017

“So lebten die Bürger zwischen konservativen Wertsinn und Fortschrittstüchtigkeit. Das Genre, das sie sich geschaffen hatten, war traulich und bergend. Der Zeitgeist mochte mit den Maschinen sein, aber er hielt seine Flügel auch über Streublümchen.”
(p13)

 


 

“The bourgeoisie lived between conservative values and progressive efficiency.  The realm they created was cozy and protected. The zeitgeist may have been with the machines, but also had the oddball under its wings.”

 

 

Annemarie Weber, Immer auf dem Sofa – Das familiäre Glück vom Biedermeier bis heute.
Severin und Siedler, Berlin, 1982
ISBN 3-88680-039-3
Bild: Carl Spitzweg, Jugendfreunde, CCC
Damals / Back Then

Idyllisches Familienleben / Arcadian Family Life

27. Oktober 2017

“Für die unteren Schichten der Gesellschaft, und das heisst für ihre Mehrheit, war das Biedermeier alles andere als ein idyllisches Familienleben. Ganz im Gegenteil können wir in dieser Periode den Zerfall und die Auflösung von Familienstrukturen konstatieren. Einen zunehmende Zahl von Menschen lebte ohne eigene Familie, als Lehrling, Geselle oder Dienstbote im Haushalt des Arbeitgebers oder fand als Bettgeher oder Untermieter eine kärgliche und instabile, vereinzelte Existenz.”

 


 

“For the lower social strata of the society, hence it’s majority, Biedermeier was everything but an arcadian family life. Quite the contrary, we can state the decay and disbandment of the family structure. A growing number of people lived without their own family, as apprentice, journeyman or domestic in the employer’s house, or found a meager, unstable and detached existence as lodger or ‘bettgeher*’”

 

*:a person just renting the bed for the time when the host is at work, or workers sharing one bed during shifts pE in a factory

 

Der Wandel der Familienstruktur im Wiener Biedermeier, Joseph Ehmer
Bürgersinn und Aufbegehren, Biedermeier und Vormärz in Wien, 1815-1848
1988, Museen der Stadt Wien und Jugend und Volk, Wien
ISBN 3-224-16741-6
Bild: CCC
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Volkswohlstand / Prosperity Of The Nation

23. Oktober 2017

“Die Männer der Wirtschaft setzten auf laisser faire, auf das Geschehen-lassen. Sie wollten möglichst wenig staatliche Eingriffe. Im freien Spiel der Kräfte, so meinten sie, werde sich die Wirtschaft und damit der gesamte Volkswohlstand am besten entwickeln. Die Beamten hatten jedoch viel Verständnis für staatliche Lenkung, schon weil sie selbst daran beteiligt waren.”

 


 

“The men of economy bet on laisser faire, on let-things-happen.They wanted as few interventions of the state as possible. They believed that the best way for the development of economy, hence the prosperity of the nation, is the free play of forces. The magistrate had great sympathy for the guidance of the state, especially because of their involvement.”

 

 

Quelle / Source:
Gerhard Schildt
Aufbruch aus der Behaglichkeit – Deutschland im Biedermeier 1815-1847
, p152
Westermann, Braunschweig 1989, ISBN 3-07-509038-7
Bild: Kaiserhaus, CCC

 

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Politischer Geist / Political Intellect

18. Oktober 2017

“Allerdings bezweifelten manche Autoren, dass ein politischer Geist in die österreichische Nation überhaupt vorgedrungen sei. Die Bevölkerung zeigte gegenüber den Ereignissen in der Welt grosse Gleichgültigkeit.”

 


 

“But some writers believed that political intellect never expanded into the austrian nation. The population showed great indifference to the world’s basic events.”

 

Biedermeier und Vormärz – Sinnesart einer Zeitspanne, Robert Waissenberger
Bürgersinn und Aufbegehren, Biedermeier und Vormärz in Wien, 1815-1848
1988, Museen der Stadt Wien und Jugend und Volk, Wien
ISBN 3-224-16741-6
Bild: Friedrich Eduard Meyerheim, Kegelgesellschaft, CCC

 

Damals / Back Then

A‘ B’soffene G’schicht‘ / A Drunken Bet

7. Juli 2017

“Zahlreiche Reisebeschreibungen sind uns erhalten: einer der skurrilsten Autoren ist sicherlich Joseph Kyselak gewesen (1799-1831), ein Beamter der Hofkammer in Wien…
(…)
…er huldigte dabei der uralten Unsitte des Hinterlassens seiner Unterschrift in besonders markanter Weise, indem er seinen Namenszug mit Hilfe einer Schablone an möglichst schwer zugänglichen Stellen (Felswänden, Schluchten, aber auch an Häusern und Kirchtürmen) anbrachte.”

 

Angeblich hat Joseph mit dem ‘Tagging’ aufgrund einer Wette mit seinen Freunden beim Wirten am Spittelberg begonnen: er setzte 100 Gulden, dass sein Name innerhalb von drei Jahren in “Stadt und Land” berühmt wäre. A’ b’soffene G’schicht, also – und das macht die Legende sehr plausibel…

 

 

“Many travelogues are preserved: one of the oddest authors was Joseph Kyselak (1799-1831), a magistrate of the “Hofkammer” in Vienna…
(…)
…he pursued the ancient and bad habit of leaving his signature in a most distinctive way, by applying his stencil at inaccessible places, like cliffs, gorges, but also on houses and church spires.”

 

Allegedly Joseph started ‘tagging’, because he wagered 100 Gulden with his friends in a tavern at the Spittelberg, that his name would be known in “city and country”. Thus it seems like a classical drunken bet, which makes this story even more believable…

 

 

“Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande…” – Landpartie und Tourismus im Biedermeier, Peter Csendes
in:
Bürgersinn und Aufbegehren, Biedermeier und Vormärz in Wien, 1815-1848
1988, Museen der Stadt Wien und Jugend und Volk, Wien
ISBN 3-224-16741-6
Bilder: Waldmüller & Kirche in Kilb, beide CCC
Damals / Back Then

Seelenadel / Nobility Of The Soul

30. Juni 2017

Der Bürger glaubte an Seelenadel, an die inneren Werte der Menschen, auch wenn die Zeichen der Zeit so stark auf die äusseren Werte gerichtet waren. (…) Im Bürgertum waren zur selben Zeit auch fortschrittliche und humane Bestrebungen spürbar. Gegen die Todesstrafe, für einen verbesserten Strafvollzug gab es veröffentlichte Meinungen.”
(p63)

 


 

“The burgess believed in the nobility of the soul, in the personal qualities of men, although the zeitgeist drew the attention more to external values. (…) The bourgeoisie showed progressive and humane ambitions. Records show public opinions against death penalty or for a better penal system.”

Damals / Back Then

Die Eigentliche Gefahr / The Actual Endangerment

27. Juni 2017

“Die eigentliche Gefahr sind nicht die Parteien der Kommunisten, Sozialisten und Radikalen, deren es in jedem Staat und zu allen Zeiten gegeben hat, die eigentliche Gefahr sind nicht die im Stillen wirkenden Väter der Gesellschaft Jesu und ihrer Freunde, die die Verdumpfung des Volkes als das einzige Heil, als den einzigen Rettungsanker darstellen, die eigentliche Gefahr ist die, dass die Unzufriedenheit, von der jene Parteien so geschickt Gebrauch zu machen wissen, so allgemein verbreitet, so wohl begründet ist…”
(Hohenlohe-Schillingsfürst, Fürst Chlodwig zu: Denkwürdigkeiten, Bd 1, 1907, p39f)
(p330)

 


 

“The actual endangerment are not the communist, socialist or radical parties, which existed in every state at any time, the actual endangerment is not the secret acting fathers of the society of jesus and it’s friends, who constitute that the stultification of the people is the only salvation, the only sheet anchor, the actual endangerment is, that the discontent, of which these parties so clever make use of, is so widespread, and so well-founded…”

 

Gerhard Schildt
Aufbruch aus der Behaglichkeit – Deutschland im Biedermeier 1815-1847
Westermann, Braunschweig 1989, ISBN 3-07-509038-7
Bild: Studentisches Stammbuchblatt, Würzburg 1815, CCC
Damals / Back Then

Brigittakirtag

23. Juni 2017

“Zu den Festen der Wiener gehörte auch der Brigittakirtag, der ebenfalls im Sommer in der Brigittenau (Anm.: heute der 20. Wiener Gemeindebezirk) stattfand. Es handelte sich dabei um ‘das eigentliche Volksfest der Wiener’. Es fand an zwei aufeinanderfolgenden Tagen statt, und jeweils 40.000 bis 80.000 Besucher nahmen daran teil.”
(Anm.: Wien hatte zu dieser Zeit ca 290.000 Einwohner, davon knapp 50.000 innerhalb der Stadtmauer.*)

 


 

“One of the festivities of the viennese was the ‘Brigittakirtag’, which also was taking place in summer in the ‘Brigittenau’ (e.n.: today the 20th district in Vienna). It was the ‚actual fair of the viennese’. It took place on 2 succeeding days, each with 40.000 to 80.000 attendees.”

(e.n.: Vienna’s number of inhabitants at this time was about 290.000 people, thereof 50.000 inside the city wall.*)

 

Bürgersinn und Aufbegehren, Biedermeier und Vormärz in Wien, 1815-1848
1988, Museen der Stadt Wien und Jugend und Volk, Wien
ISBN 3-224-16741-6
Bild: Neder-Fümfkreuzertanz, Donauinselfest, beide CCC

 

*: Zahlen Donauinselfest / Numbers Donauinselfest:
Approx 3,1 Mio Besucher/attendees 2016; 1,8 Mio Einwohner innerhalb der Stadtgrenzen/inhabitants inside the city limits (2016)

E.n.: The Donauinselfest is one of the biggest open air festivals in Europe, it takes place on a weekend in june and is completely free of admission. The location is the Donauinsel, which is between the 2nd/20th and 21th/22th district. The isle was built as a part of a flood control measure for the danube and is one of the biggest recreational areas in Vienna.

 

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Eine Moralische Frage / A Moral Question

21. Juni 2017

“Am leichtesten machten es sich jene, die den Armen vorwarfen, sie hätten nicht genug gespart, oder sie hätten nicht heiraten sollen, dann brauchten sie auch keine Familie zu versorgen. Solche Beobachter warfen den Arbeitslosen Faulheit vor, den Hungernden Arbeitsscheu, den Verzweifelnden Trunksucht, den Elenden Liederlichkeit. Die Soziale Frage ist eine moralische Frage, behaupteten sie. In der Tat hätte sich manches Einzelschicksal durch noch mehr Selbstdisziplin bessern können, aber im grossen und ganzen waren solche moralischen Appelle ungeeignet, das Problem zu lösen, zumal sie von Leuten kamen, die sich selbst keine Entbehrungen aufzuerlegen brauchten.”
(p319)

 


 

“The easy path was taken by those, who accused the poor of not saving enough, or that they should not have married, because then they wouldn’t have to support a family. Such observers blamed the unemployed of laziness, the hungry of being unwilling to work, the desperate of vinosity, the miserable of looseness. The social question is a moral question, they alleged. Indeed, some individual fate would have been improved with even more self discipline, but, on the whole, such moral pleas were unfit to solve the problem, especially from people, who didn’t need to impose privation on themselfs.”

 

Gerhard Schildt
Aufbruch aus der Behaglichkeit – Deutschland im Biedermeier 1815-1847
Westermann, Braunschweig 1989, ISBN 3-07-509038-7
Bild: Waldmüller, CCC

 

Damals / Back Then

Lebensangst / Angst

18. Juni 2017

“Die Lebensangst war allgemein und prägte sich deutlich in die herrschende Mentalität.

‘Da wird einem halt angst und bang,
Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang’

Dieser Vers Nestroys im ‘Kometenlied’ aus dem ‘Lumpazivagabundus’ schliesst wohl unmittelbar an diese Mentalität der Weltangst an… (…) Doch mögen wir den Kometen, der da angeblich die Welt bedroht, als Synonym verstehen. Die Angehörigen der adeligen Stände hatten intensiver die Schicksale der in der Französischen Revolution zu Schaden gekommenen Angehörigen des privilegierten Standes erlebt. Von ihrem Standpunkt aus war es notwendig, alles zu unternehmen, um den Ausbruch von Revolutionen, aber auch alles Streben nach gesellschaftlicher Veränderung schlichtweg zu verhindern. Wie immer in solchen Fällen glaubte man im uneingeschränkten Gebrauch der Staatsgewalt, dem Einsatz der Polizei, das einzig wirksame Gegenmittel gefunden zu haben. Niemand befasste sich – wie das übrigens nie geschieht – damit, das Übel an der Wurzel zu fassen, zu bessern, zu ändern, wo die Zustände nach Besserung und Änderung verlangten, sondern man regierte mit der Vorstellung, dass man ohnehin die beste aller Welten in Besitz hatte.”

 


 

“Angst was ubiquitous and molded the common mentality:

‘We’re upset and hung up
The world won’t last long’

The verse from the ‘Kometenlied’ (comets song) in Nestroy’s play ‘Lumpazivagabundus’ phrases the mentality of this angst… (…). But we might understand this comet as a synonym. The members of the nobility witnessed quite more intense the fate of the privileged class during the French Revolution. From their view it was most necessary to prevent the outbreak of revolutions and to anticipate any change in society’s status quo. As always in these cases, absolute authority of the state, the deployment of the police, was believed to be the only instrument for, the only corrective to this situation. As it never happens, no one engaged oneself in eradicating the root of evil, to improve, to change, where the situation needed to be improved, to be changed, but rather reign in the perception of owning the best of all worlds.”

 

 

Bürgersinn und Aufbegehren, Biedermeier und Vormärz in Wien, 1815-1848
1988, Museen der Stadt Wien und Jugend und Volk, Wien
ISBN 3-224-16741-6
Bild: Carl Spitzweg, CCC