Schlagwort: adel

Damals / Back Then, Heute / Today, Was ist Neobiedermeier, What is Neobiedermeier

Die Neue Zerrissenheit / A New Disruption

8. Juni 2018

Auch wenn man mit dem „Biedermeier“ etwas anderes assoziiert, so war diese Ära eine Zeit grossen Umbruchs und weitreichender Veränderungen.

Das aristokratische System konnte dem Fortschritt und dessen Anforderungen nichts entgegensetzen, aus der Sicht des Adels lebte man in der besten aller Welten und man tat alles daran, die Dinge so zu belassen – doch die seit Generationen bewährten Methoden versagten Stück um Stück, es mangelte an Einsicht, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit.

Die Aristokratie hatte ihr System zwar penibel in Gesetzen und Paragraphen fundamentiert, ebenfalls waren die staatlichen Gewalten fest in ihrer Hand, jedoch zerfiel der Untergrund auf dem sie standen.

Die zunehmende Industrialisierung machte hochwertige Produkte und Werkzeuge sehr plötzlich sehr günstig und leicht zugänglich. Der demokratisierung der Gebrauchsgegenstände folgte die demokratisierung politischer Strukturen, ab nun zählte nicht mehr die Herkunft, sondern das Können.

Es war eine Zeit der ‚Macher‘ und nicht eine der ‚Verwalter‘. Bürokratie ist grundsätzlich erhaltend orientiert und kann sich ebenfalls nur sehr langsam an Veränderungen anpassen. Das bedeutet, dass gesetzliche Regelungen und Standesvereinigungen dem rasanten Fortschritt ebenfalls hinterher waren und der ihrer regulativen Funktion einfach nicht nachkamen.

 

Aufgrund der rasanten Entwicklungen war das Säugetier Mensch gefordert: die Anpassungsfähigen umarmten den Fortschritt und trieben die Entwicklungen mutig mit aller Kraft voran, die konservativen Kräfte reagierten mit Ablehnung und Regression. Gleichzeitig war die Industrialisierung aber eine Verschiebung der Macht- und Gewaltverhältnisse, in einer bis zu diesem Zeitpunkt einzigartigen Phase eines europäischen Friedens. Dieser legte die Saat für die Vision einer gesamteuropäischen Einheit, die in den nachfolgenden Kapiteln europäischer Geschichte, zum Beispiel in Stefan Zweig, aufging und in der Europäischen Union im 20. Jahrhundert vollzogen wurde.

Die Zerrissenheit der Zeit spiegelt sich in Ihrer kleinsten Zelle der Gesellschaft, dem Menschen, wieder: ein unsicherer, doch mitunter einträglicher Lebensunterhalt in einer Welt des stürmischen Wandels und als Ausgleich Rückzug in eine vertraute Umgebung, die Familie, kennzeichnen die neu entstehende Mittelschicht, die man heute eher geringschätzend als Bürgertum bezeichnet und mit dem man das Biedermeier vorwiegend zu charakterisieren versucht. Diesem Umstand kann man auch die Verklärung der Vergangenheit, die Idealisierung des ‚einfachen‘ Handwerkers, dem mühevollen Landlebens oder die Besinnung auf eine nationale Identität zuschreiben.

Diese Zerrissenheit und Unsicherheit, sowie die Bequemlichkeit der Errungenschaften des Fortschritts wurden schnell als politisches Kapital missbraucht, um den vielen und unüberschaubaren Strömungen Zulauf und Unterstützung zu verschaffen.

Wütende und aufbegehrende Studenten forderten das herrschende System heraus, Arbeiter forderten vehement Rechte ein, die Arbeitslosigkeit und Armut der Bevölkerung wurde geschickt zum Vorteil aller Akteure auf der politischen Bühne verwendet.

Das Aufkommen eines neuen Mediums zur Verbreitung von gelenkter Information unterstützte diese Machenschaften: ab 1843 machte der Rotationsdruck hohe Auflagen der Zeitung zu einem erschwinglichen Preis möglich, die allgemeine Schulbildung hatte zudem eine breite Leserschaft geschaffen. Der Staat begann jene Kommunikationskanäle und seine Bürger im Namen der ‚allgemeinen Sicherheit‘ zu überwachen um so etwas wie Bürgerrechte gar nicht erst aufkommen zu lassen.

 

In diesem Chaos unterschiedlicher Interessen und Strömungen waren die Herrschenden plötzlich ihrer Privilegien beraubt, sie standen diesen Neuerungen hilf- und ratlos gegenüber, zu lange konnte sich der Adel sich auf dem von ihm geschaffenen System ausruhen, zu lange war der technologische Vorteil in ihrer Hand. Die sorgfältig konservierenden und regulierenden Mechanismen liefen ins Leere und konnten nicht mehr angewendet werden.

 

Heute, im 21. Jahrhundert haben sich die Rahmenbedingungen geändert, Errungenschaften der sozialistischen Revolution, im Biedermeier und der Industrialisierung mit Blut bezahlt, sind für uns eine Selbstverständlichkeit geworden und werden als Grundrecht wahrgenommen. Demokratisch gewählte Regierungen haben den Adel abgelöst und wir glauben uns über den gesellschaftlichen Zwängen der damaligen Menschen erhaben.

 

Dennoch: viel von dem oben Beschriebenen wirkt allzu aktuell.

 

Jene demokratisch gewählten Regierungen stehen den Veränderungen der heutigen Zeit genauso hilf- und ratlos gegenüber. Die Politik hat keine Relation zum Alltag ihrer Wähler mehr und Aussagen ihrer Vertreter in den Medien zeugen von Abgehobenheit. Im Namen der ‚Sicherheit‘ werden die damals teuer erworbenen Rechte vom Staat beschnitten und die modernen Kommunikationskanäle bespitzelt. Soziale und umweltpolitische Initiativen werden kriminalisiert und finanziell ausgehungert.

 

Die Vertreter staatlicher Macht versuchen erneut den Verlust ihrer Kontrolle mit aller Kraft zu verhindern, wieder werden Armut, Arbeitslosigkeit und prekäre Verhältnisse als Werkzeuge eben dieses Machterhalts eingesetzt.

 

Die Anpassungsfähigen gehen erfolgreich in die neue Zeit, die Konservativen berufen sich erneut auf fragwürdige nationale Identitäten, traditionelle Gesellschaftsbilder, beklagen lautstark den Verlust irgendwelcher Werte und verklären die Vergangenheit. Undurchsichtige Strömungen seltsamer politischer Akteure buhlen um Zulauf, traditionelle Geschlechterrollen prallen auf progressive Lebensstile.

Es findet erneut eine Demokratisierung der Gesellschaftsordnung statt, lediglich die Bühne ist weiter und grösser geworden. Ebenso verschiebt der leichte Zugang zu technologischem Fortschritt Machtverhältnisse aufs Neue, es findet erneut eine Demonopolisierung der Gewalten statt.

 

Doch werden die konservativen Kräfte heute genauso scheitern wie der weiland der Adel, den Fortschritt ungeschehen zu machen ist nicht möglich.

 

Als nach der Wiener Revolution, die gemeinhin als das Ende des Biedermeiers verstanden wird, auch der nachfolgende Klassizismus und das Musil’scheKakanien‚ sein Ende fand, begann in naiver Leichtgläubigkeit des Adels einer der furchtbarsten Kriege der Menschheitsgeschichte: der erste Weltkrieg.

‚Naive Leichtgläubigkeit‘, weil die Initiatoren meinten, es handle sich um einen Krieg, wie alle bisherigen. Klar definierte Scharmützel, die Ruhm, Ehre und Landgewinn versprachen.

‚Furchtbarster der Menschheitsgeschichte‘ deshalb, weil eben jener Fortschritt, den der Adel wahrzunehmen nicht imstande war, diesen zum ersten ‚industriell‘ geführten Krieg mit Massenvernichtungswaffen aller Art gemacht hat. Grausamkeiten, die sich kein Mensch vorstellen konnte, eine brutale Leugnung alles dessen, das den Menschen seiner Meinung nach menschlich macht. Stillstand und Regression, Unverständnis und Machtgier, und generell das Unvermögen verändernde Realitäten wahrzunehmen haben Europa nachhaltig traumatisiert und kurz darauf in den nächste Katastrophe geführt.

 

Nicht jede Entwicklung des Fortschrittes ist von Vorteil für den Menschen, aber diesen zu leugnen ist fatal. Auch wenn der Grossteil der Spezies Mensch mit den Anforderungen der Gegenwart überfordert zu sein scheint, so gibt es immer wieder Begegnungen, die Hoffnung für eine bessere Zukunft, als jene, die die Menschen des 19. Jahrhunderts vor sich hatten, machen.

In den dunklen Stunden der Seele verbleibt jedoch immer ein

Nihil Novi Sub Sole

 


 

Although “Biedermeier” is commonly associated in other respects, it was a time of great upheaval and long range changes.
The aristocratic system couldn’t withstand progress and it’s demands, on grounds of the nobility it was the best of worlds and everything was done to preserve the status quo – but the methods, well proven since generations, failed bit by bit, they lacked the insight, flexibility and adaptability. The aristocratic system was well-founded in laws and paragraphs, also the forces of the state were in nobility’s firm hand, but the substrate for those terms collapsed.

Due to the increasing industrialization high grade products and tools were suddenly affordable and easy accessible. The democratization of products was followed by the democratization of political structures, skill was of greater importance than ancestry.
It was a time of doing, not conducting. Bureaucracy is preservative and hence very slow in adapting to change. This means that statutory rule and unions of professions could not match the speed of progress and obtain their regulative roles.

 

Due to the rapid developments the mammalian human was challenged: the adaptive embraced progress and pushed the changes further with all their might, the conservative forces responded with rejection and regression. At the same time industrialization was a shift of the balance of force and power in a unique era of peace in Europe so far. This was the seed for the vision of a paneuropean union, that bore fruit in subsequent chapters of european history, pE in Stefan Zweig, and which has been fulfilled with the European Union in the 20th century.

 

The disruption of this era was evident in the smallest cell of its society: man. A precarious, but yet at times lucrative income in a world of roaring alteration, balanced with retreat in a familiar environment, the family, characterize the new formed middle class, nowadays disregarded named ‘bourgeoisie’, which is commonly associated with the ‘Biedermeier’. These circumstances led to the romanticization of the past, the glorification of the frugal trade and troublesome farm life or the rise of a consciousness for a national identity. This disruption and insecurity, as well as the commodities of progress were abused immediately as political asset to gain support for an unclear number of newly risen parties. Enraged and revolting students bantered the ruling class, workers vigorously demanded rights, the poor and unemployed were cleverly used for one own’s end by new players on the political stage.

The rise of a new medium for spreading controlled information supported the scheming of all participants: rotary printing, invented 1843, made high runs of newspapers affordable and compulsory schooling created a wide readership. The state started to police those new means of communication, it spied on its citizens in the name of ‘public security’ to suppress the advent of civil rights in front.

 

In this chaos of diverging motives and causes suddenly the toothless ruling class was deprived of their privileges, they have relied on their system of dominance for too long, the technological advantage has been too long in their hands. The thoroughly put conserving and regulating arrangements lost their grounds and couldn’t be applied any more.

 

Today, in the 21st century, the surrounding conditions have changed, achievements of the socialist revolution, which roots in the Biedermeier and the overlapping Industrialization, are matters of course and perceived as basic rights. Democratic elected parties replaced the nobility and society supposes to have risen above the former social constraints.

 

But: too much of this appears to be quite topical.

 

Those democratic elected parties are as help- and toothless as the nobility back then. The politicians have lost their connection to everyday’s life of their voters and their statements in the media prove this detachment. These rights, earned and paid in blood back then, are restricted in the name of security and the new means of communication are under surveillance of the state. Social and ecological initiatives are criminalized and starved out financially.

 

The agents of the state try everything to hold on to their power; poverty, unemployment and precarious conditions are used as tools of maintaining this power again.

 

The adaptive persist and will successfully pass these new times, the byzantine invoke a questionable national identity and traditional concepts of society, lament about the loss of values and romanticize the cruel past. Shady political agents of even shadier causes haunt for support, traditional gender roles bounce against a progressive lifestyle.

The order of society is being democratized again, this time on a bigger stage. The availability and accessibility to technology will shift the balance of power again, the forces will be demonopolized again.   

 

But the conservative forces will fail like the nobility back then, because undoing progress is not possible.

 

After Biedermeier ‘officially’ ended with the Viennese Revolution, the successional Habsburg Empire collapsed in one of the most cruel wars in the history of man: the First World War.
It was started naive and in gullibility, because the initiators thought, this would be a war like all others. Clear defined skirmishes promising glory, fame and gain of precious land.

But that technological progress, that the nobility wasn’t able to realize, led to the first industrialized war, a war with weapons of mass destruction, with ferocities no man could imagine, denying every decency man believed to have. Stagnancy and regression, lack of understanding and lust for power, and generally the inability to accept changing realities, deeply traumatized Europe and led shortly afterwards to the next catastrophe.

 

Clearly not every progress’ development is an advantage to man, but to deny them is fatal. Although humanity seems to be overextended with today’s requirements, sometimes there are encounters feeding the hope that we have a brighter future ahead of us than the people back then. But in the dark hours of the soul, all that remains is

Nihil Novi Sub Sole

 

Damals / Back Then

Alte Mächte / Old Forces

5. Dezember 2017

“Das Neue war unwiderstehlich. Die alten gesellschaftlichen Mächte mussten ohnmächtig zusehen, wie durch die Hand des Bürgertums unablässig Neues entstand, das geeignet war, die alten Standesunterschiede einzuebnen. (…) Die Bürger waren stolz auf ihre Leistung, und zwar ihre eigene, individuelle Leistung. Was sie selbst, was sie persönlich getan hatten, das zählte. Wenn es ein kleiner Mann zu etwas gebracht hatte, dann wog das mehr als eine ererbte Stellung. Ebenso stolz waren Bürger auf ihre Bildung. Genauso verhielt es sich mit der bürgerlichen Kultur.”
(p142)

 


 

„The new was irresistible. The old societal forces had to watch helpless as the hands of the bourgeoisie created ceaseless innovations, eligible to level the old class distinction (…) The burgess was proud of its achievements, namely their own, individual performance. What they personally accomplished, by themselfs, that mattered. When the little man got somewhere, this weighed more than any hereditary status. The bourgeoisie was proud of its education, likewise its civic culture.“

 

Gerhard Schildt
Aufbruch aus der Behaglichkeit – Deutschland im Biedermeier 1815-1847
Westermann, Braunschweig 1989, ISBN 3-07-509038-7
Bild: Hasenklever, Das Lesekabinett, CCC
Damals / Back Then

Gleichmacherei / Egalitarianism

28. November 2017

“In allen seinen Teilen war das gehobene Bürgertum auch einig gegen demokratisch-sozialistische ‘Gleichmacherei’. Dass Leute ohne wirtschaftliche Kraft und ohne Wissen und Bildung auch mitbestimmen wollten, dass sie vielleicht gar einen Anteil am gesellschaftlichen Reichtum forderten, das fand das gehobene Bürgertum im Allgemeinen empörend.”
(p 152)

 


 

“In all its parts the upper-middle class was united in their attitude against democratic-socialist egalitarianism. The request that people without economic potency and without knowledge or education wanted to take part in decision-making, that they’re even claiming their share on society’s wealth was perceived by the upper bourgeoisie generally as scandalous.”

 

Gerhard Schildt
Aufbruch aus der Behaglichkeit – Deutschland im Biedermeier 1815-1847
Westermann, Braunschweig 1989, ISBN 3-07-509038-7
Bild: J.P.Hasenclever, CCC
Was ist Neobiedermeier, Why Neobiedermeier

Aus Spass Wurde Ernst / When Fun Turned Serious

1. November 2017

Als mich die Idee zu dem Projekt neobiedermeier.com überkam*, so stand der künstlerische Aspekt im Vordergrund – Bilder von Damals ins Heute zu transponieren – Freude daran und Ideen dazu habe ich noch jede Menge, keine Sorge.
Doch in der Auseinandersetzung mit dieser Epoche, dem Wiener Kongress, dem Biedermeier, dem Vormärz und der Wiener Revolution, in der Recherche nach darstellungswürdigen Parallelen, bemerkte ich schnell, dass sich unter der luftig-leichten Idee doch mehr verbarg.
Wikipedia sagt uns, dass der Vormärz „in politischer Hinsicht durch das Aufkommen von Liberalismus und Nationalismus in einem Klima der Verfolgung und Unterdrückung“ beschrieben wird.

So. Schön und gut.
Mein Vater hat versucht mir die Grenzen der Biedermeier-Analogie mit der noch nicht vollzogenen sozialistischen Bewegung, die ja eine direkte Folge der 1. industriellen Revolution war, aufzuzeigen und dass die historischen Voraussetzungen nicht vergleichbar seien.
Darüber habe ich nachdenken müssen. Mehr als 1 Jahr beschäftigt mich das jetzt.

Den Aufmerksamen wird es nicht entgangen sein, dass westlich orientierte Gesellschaften gewissen besorgniserregenden Tendenzen unterworfen sind: einerseits einer brutalst vollzogenen Liberalisierung der Märkte, die sich, um nur ein Beispiel zu nennen, in einem Auseinanderklaffen der Einkommensunterschiede manifestiert**.
Anderseits finden reaktionäre und radikale politische Akteure wie ein Herr Orban, ein Strache, Erdogan oder Trump tosenden Beifall der Massen und der altmodische und zu einem Schimpfwort verkommene Sozialismus ist nahzu verschwunden, wenngleich die Errungenschaften desselben als selbstverständlich und Grundrecht empfunden werden. Der Erfolg des Sozialdarwinismus führt zu Zwängen unter dem Schlagwort der Freiheit und Sicherheit, einer paradoxen Radikalisierung gegen vermeintlich Radikale.
Mir sind auch die von paralysierten Links-Liberalen viel beschworenen Parallelen zur Machtergreifung der Nationalsozialisten bestens bekannt, aber trotzdem sehe ich im Heute mehr Biedermeier als Vorkriegszeit, kognitive Verzerrung hin oder her.

Die häufigste Reaktion der Menschen auf widrige Umstände ist den Schädel einzuziehen und zu hoffen, dass der Kelch an einem vorübergeht.
Also genau das, was das Biedermeier kennzeichnet.
Der ursprünlich linke Begriff der „Leitkultur„, der von der Rechten schwämmchengleich aufgesogen und assimiliert wurde, beruht im Wesentlichen auf Tugenden & Entwicklungen des frühen 19 .Jahrhunderts:
Weihnachtsbaum – aus dem Biedermeier.
Kaffeekränzchen – aus dem Biedermeier.
Die Couch und das Heim als Bollwerk gegen die grausliche Welt – Biedermeier.
Kinder, Eltern, Familie und Pädagogik – Bamm! Wieder Biedermeier.
Haus mit Garten, Zweitwohnsitz am Land, ländliches Idyll – Biedermeier wohin man auch schaut!

Aber was stand am Ende des Biedermeiers?
Eine Revolution in Wien, ja, in WIEN!, die, wenn man den Berichten Glauben schenken darf, nicht sehr schön war. Danach ein Geplänkel zwischen Preussen und Österreich, das in der Schlacht von Königgrätz mit mehr als 7.500 Toten und ebensovielen Verwundeten seinen Höhepunkt fand, einer durch innere Konflikte geprägten österreichisch-ungarischen Monarchie, deren politische Führung dieser Zerrissenheit und den Anforderungen einer Zeit der Veränderungen ratlos gegenüberstand, Erben eines seit Jahrhunderten bestehenden, antiquierten Systems, das dem unerbittlichen Sog der Entropie nicht widerstehen konnte und das Ende im ersten Weltkrieg mit 9,56 Millionen Toten fand.

Wiederholt sich die Geschichte?
Unvermeidlich!
Nihil novi sub sole?
Fix, oida!
The „best“ is yet to come?
Unfortunatly!

Aber, hey, was ist jetzt mit der industriellen Revolution?
Ja, die kommt auch wieder, diesmal in der Version 3.0, mit automatisierten & intelligenten (robotischen) Systemen, der technologischen Singularität, aka A.I., und genetischem Design.
Wer fährt LKW, wenn Tesla & Google steuern? Was passiert mit Brokern, Bankern und anderen Betrügern, wenn Algorithmen die Aktienströme der Börsen besser vorhersagen können? Wer braucht einen grantigen Verkäufer, wenn Alexa, Siri oder Google Home die Bestellung von Zuhause aufnehmen? Googles A.I. träumt und Facebook’s K.I. erfindet ihre eigene Sprache, IAMUS komponiert klassische Werk im Stil von J.S.Bach, von Menschen auf einem Chip hergestellte Strukturen aus metallischem Silber verhalten sich wie Neuronen aus Protein und stehen deren Funktionsweise um nichts nach.
Also, ja, hier taucht eine weitere technologische Revolution, die dritte, am Horizont der Geschichte auf, eine die das Potential trägt, die Gesellschaft neu zu strukturieren, zu modellieren und eine neue Ära einzuleiten. Fragen und Anforderungen an eine Politik, die diesen mit derselben Ratlosigkeit wie weiland der Adel gegenübersteht und mit längst überkommenen Systemen und antiquierten Theorien zwangsweise scheitern wird.
Wer wird wohl die ersten Folgen derselben spüren? Sicherlich nicht die Finanziers und Urheber derselben.

 

Die „goldene Backhendlzeit“, die im Wienerlied und auch heute noch von manchen romantisiert wird, die war keine lustige Zeit.
Es war eine Zeit grosser Umbrüche, weitreichender Entwicklungen und tiefer sozialer Zerrissenheit, politischem Machtstreben mit pro-europäischen Tendenzen gegen statischen Nationalismus.
Und einer technologischen Revolution am damaligen, noch etwas kleineren Horizont, die aber in der damaligen Gesellschaft keinen Stein auf dem anderen lassen sollte und nun fast schon 200 Jahre bis in die Gegenwart reicht.
Und was am Ende, dem Abschluss, der „guten, alten Zeit“ steht, am Ende dieser schmerzhaften Modellierung der Moderne, das wollen wir heute weder für uns oder unsere Kinder, wirklich niemand von uns, wie unvermeidlich es auch immer scheinen mag.

Denn, leider: nihil novi sub sole.

 

 

*: Jeder, der kreativ ist, weiss, dass man Ideen nicht „hat“. Sondern sie wie eine Sintflut über einen hereinbrechen.

**: Die beschriebene soziale Schere beziehe ich auf die innerhalb des Landes/Staatenbundes. Die globale Schere ist etwas komplett anderes. Das „Flüchtlingsproblem“, das eine direkte Folge davon ist, ist die Frucht der noch immer stattfindenden Ausbeutung aufgrund kolonialer Herrschaftsansprüche, egal wie modern und kreativ man sie auch formulieren mag.

 


 

The artists aspect stood in the foreground as the idea for neobiedermeier.com dropped* on me – to transpond images from back then to today – there are enough ideas left, no sweat.

In my research for new “worthy” images and in digging deeper into this era, the Congress of Vienna, the Biedermeier, the Vormärz and the Revolution of 1848, I learned quickly that there’s more than meets the eye.
Regarding politics the Vormärz is described as a period in which liberalism and nationalism were rising in an atmosphere of oppression and persecution.

Well. And now?
My father tried to show me the thresholds of the Biedermeier analogy, because the socialist movement hasn’t happened yet. Indeed socialism was a result of the first industrial revolution and this specific precondition is not comparable.

This was something I had to think about. It bothers me since a year.

The mindful watcher may have noticed that occidental orientated societies show some worrisome tendencies: on one hand a brutal liberalisation of the economy, which manifests in a widening gap of incomes**, for one example.
On the other hand, political reactionary and radical players, like Orban, Strache, Erdogan or Trump, are applauded by the masses and socialism is outmoded and used an an insult, although its accomplishments are perceived as matters of course and a basic right.
The triumph of social darwinism results in restraints under the name of freedom and security, a paradoxic radicalisation against alleged radicals.
I’m also quite familiar with the so often conjured analogy with the takeover of the national socialists by the paralyzed left-winged liberals, but nevertheless today I sense more Biedermeier than pre war time, cognitive bias is negligible.

Humans most common reaction to adversity is to duck and hope that the chalice passes by.
Exactly what Biedermeier stands for.
Originated from the left wing, the term “Leitkultur” was assimilated by the right wing and is based mostly on virtues and accomplishments of the early 19th century:
Christmas tree – originates in Biedermeier.
Coffee party – originates in Biedermeier.
The couch and home as a stronghold against the ghastly world – Biedermeier.
Children, Parents, Family and educational science – bam! Biedermeier again.
House with yard, secondary residence, idyllic countryside – wherever you look: Biedermeier!

But what ended the Biedermeier?

A revolution in Vienna, yes, in VIENNA, that, if you believe contemporary records, wasn’t very charming. Then a skirmish between Prussia and Austria which peaked in the Battle Of Königgrätz with more than 7.500 dead and another 7.500 wounded. A conflicted Austrian-Hungarian Monarchy with a political leadership that was paralyzed and helpless to meet the historical requests, heirs to an antiquated system, unable to withstand the maelstrom of entropy which led to the first world war with 9,56 mio dead.

 

Will history repeat itself?
Inevitable!
Nihil Novi Sub Sole?
Sure as death!
The “best” is yet to come?
Unfortunatly!

 

But hey, what’s with the industrial revolution?
It will happen again, but this time version 3.0, with automated and intelligent (robotic) systems, the technological singularity, aka A.I., and genetic design.
Who will drive trucks when tesla or google takes over the wheel? Who needs bankers, brokers and other scammers, if algorithms can predict the stock market much better? Who needs a grumpy sales person, if Alexa, Siri and Google Home take your orders from home? Googles A.I. is dreaming and Facebooks A.I. invents its own language, IAMUS composes music in J.S.Bach’s manner, man made silver based structures on a chip behave like neurons made of protein and act like them.
So, yes, there appears a new technological revolution on the horizon of history, the third, and its potential is to reshape society and induce a new age of mankind. Politicians are as helpless and overwhealmed as the nobility back then, the measures for the historical requests are outdated and the theories on hand antique, their failure is assured and unavoidable.
Who will bear its consequences? Not the financiers or creators, that’s for sure.

 

The “goldene Backhendlzeit***”, sung about in the “Wiener Lied****”, well, this time was no fun.
It was a time of great change, long range developments and deep diremption, of political agitation, pro-european tendencies versus static nationalism.
And a technological revolution on the rise, which left no stone standing and still reaches from approx. 200 years ago till today.
And that, what ended the “good old times”, this painful shaping of modern times, believe me, we don’t want this for ourself or our succeeding kin, how inevitable it may seem.
Simply because, alas: nihil novi sub sole.

 

 

*: the true creative knows that you don’t just have an idea. It rather dops on you like the deluge.
**: the described social gap is referred to the inside of a state/federation. The global gap is something completly different. The “refugee problem”, which is a direct effect of this gap, is the result of an ongoing exploitation based on a colonial claim to power, no matter how sugarcoated it will be named.
***: A romantic and idealized term for this certain era, literally “golden” and “fried chicken” (chicken was cheap and easy to breed).
****: a specific type of folk song, sung in dialect, usually conducted by violin and/or accordion.

 

Damals / Back Then

Seelenadel / Nobility Of The Soul

30. Juni 2017

Der Bürger glaubte an Seelenadel, an die inneren Werte der Menschen, auch wenn die Zeichen der Zeit so stark auf die äusseren Werte gerichtet waren. (…) Im Bürgertum waren zur selben Zeit auch fortschrittliche und humane Bestrebungen spürbar. Gegen die Todesstrafe, für einen verbesserten Strafvollzug gab es veröffentlichte Meinungen.”
(p63)

 


 

“The burgess believed in the nobility of the soul, in the personal qualities of men, although the zeitgeist drew the attention more to external values. (…) The bourgeoisie showed progressive and humane ambitions. Records show public opinions against death penalty or for a better penal system.”

Damals / Back Then

Eine Moralische Frage / A Moral Question

21. Juni 2017

“Am leichtesten machten es sich jene, die den Armen vorwarfen, sie hätten nicht genug gespart, oder sie hätten nicht heiraten sollen, dann brauchten sie auch keine Familie zu versorgen. Solche Beobachter warfen den Arbeitslosen Faulheit vor, den Hungernden Arbeitsscheu, den Verzweifelnden Trunksucht, den Elenden Liederlichkeit. Die Soziale Frage ist eine moralische Frage, behaupteten sie. In der Tat hätte sich manches Einzelschicksal durch noch mehr Selbstdisziplin bessern können, aber im grossen und ganzen waren solche moralischen Appelle ungeeignet, das Problem zu lösen, zumal sie von Leuten kamen, die sich selbst keine Entbehrungen aufzuerlegen brauchten.”
(p319)

 


 

“The easy path was taken by those, who accused the poor of not saving enough, or that they should not have married, because then they wouldn’t have to support a family. Such observers blamed the unemployed of laziness, the hungry of being unwilling to work, the desperate of vinosity, the miserable of looseness. The social question is a moral question, they alleged. Indeed, some individual fate would have been improved with even more self discipline, but, on the whole, such moral pleas were unfit to solve the problem, especially from people, who didn’t need to impose privation on themselfs.”

 

Gerhard Schildt
Aufbruch aus der Behaglichkeit – Deutschland im Biedermeier 1815-1847
Westermann, Braunschweig 1989, ISBN 3-07-509038-7
Bild: Waldmüller, CCC

 

Damals / Back Then

Lebensangst / Angst

18. Juni 2017

“Die Lebensangst war allgemein und prägte sich deutlich in die herrschende Mentalität.

‘Da wird einem halt angst und bang,
Die Welt steht auf kein’ Fall mehr lang’

Dieser Vers Nestroys im ‘Kometenlied’ aus dem ‘Lumpazivagabundus’ schliesst wohl unmittelbar an diese Mentalität der Weltangst an… (…) Doch mögen wir den Kometen, der da angeblich die Welt bedroht, als Synonym verstehen. Die Angehörigen der adeligen Stände hatten intensiver die Schicksale der in der Französischen Revolution zu Schaden gekommenen Angehörigen des privilegierten Standes erlebt. Von ihrem Standpunkt aus war es notwendig, alles zu unternehmen, um den Ausbruch von Revolutionen, aber auch alles Streben nach gesellschaftlicher Veränderung schlichtweg zu verhindern. Wie immer in solchen Fällen glaubte man im uneingeschränkten Gebrauch der Staatsgewalt, dem Einsatz der Polizei, das einzig wirksame Gegenmittel gefunden zu haben. Niemand befasste sich – wie das übrigens nie geschieht – damit, das Übel an der Wurzel zu fassen, zu bessern, zu ändern, wo die Zustände nach Besserung und Änderung verlangten, sondern man regierte mit der Vorstellung, dass man ohnehin die beste aller Welten in Besitz hatte.”

 


 

“Angst was ubiquitous and molded the common mentality:

‘We’re upset and hung up
The world won’t last long’

The verse from the ‘Kometenlied’ (comets song) in Nestroy’s play ‘Lumpazivagabundus’ phrases the mentality of this angst… (…). But we might understand this comet as a synonym. The members of the nobility witnessed quite more intense the fate of the privileged class during the French Revolution. From their view it was most necessary to prevent the outbreak of revolutions and to anticipate any change in society’s status quo. As always in these cases, absolute authority of the state, the deployment of the police, was believed to be the only instrument for, the only corrective to this situation. As it never happens, no one engaged oneself in eradicating the root of evil, to improve, to change, where the situation needed to be improved, to be changed, but rather reign in the perception of owning the best of all worlds.”

 

 

Bürgersinn und Aufbegehren, Biedermeier und Vormärz in Wien, 1815-1848
1988, Museen der Stadt Wien und Jugend und Volk, Wien
ISBN 3-224-16741-6
Bild: Carl Spitzweg, CCC
Damals / Back Then

Wohnsitz / Place Of Residence

16. Juni 2017

“Eine gewisse Bewegung trat auf in der Wahl des Wohnsitzes: Die einen zogen in eine schöne Strasse in ‘guter Gegend’ der Innenstadt, als andere schon wieder hinaus strebten. In stadtfernen ländlichen Gegenden entstanden Villenkolonien, erbaut von Bodenspekulanten. (…) Bürgerlicher Reichtum strebte auch nach dem Zweitwohnsitz auf dem Lande, einem Haus in der neuen, heimatverbundenen Mode, am liebsten über und über mit Efeu bewachsen.”

 


 

“The choice for place of residence was fluctuating: some were moving to a nice street in good neighborhood downtown, others were moving out of the city. Villa quarters were built in rural landscapes, built by real estate venturers. (…) The wealth of the bourgeoisie was striving for a secondary residence in rural landscapes, a mansion in the newly, native fashion, preferably overgrown by ivy.”

 

 

(p60)
Annemarie Weber, Immer auf dem Sofa – Das familiäre Glück vom Biedermeier bis heute.
Severin und Siedler, Berlin, 1982
ISBN 3-88680-039-3
Bild: Raulino, Landschaft mit Schloss (Weilburg/Baden bei Wien), CCC
Damals / Back Then

Leistung Oder Beziehung? / Performance Or Ties?

12. Juni 2017

“Viel deutlicher bekam es der Adel zu spüren, dass der Zeitgeist ihm entgegen stand. Nach Leistung wurde gefragt. Was einer kann, was einer schafft, was einer für Produktion, Handel, Verwaltung und Heerwesen leistet, das sollte gelten. Dem Bauern gehörte die allgemeine Achtung. Niemand bezweifelte seinen Wert für die Gesellschaft, aber wie stand es mit einem Grundherren, der nur Abgaben einzog? Was leistete der Besitzer eine Rittergutes, wenn doch die ganze körperliche Arbeit durch Tagelöhne getan wurde? War es Arbeit, wenn er das Gut verwaltete? Oder war seine Tätigkeit nicht doch parasitär? Und die Adeligen, die in der Verwaltung und im Heer die höheren Stellen innehatten, verdankten sie das ihrer Leistung oder ihren Beziehungen? Solche kritischen Fragen waren geeignet, die Dominanz des Adels zu untergraben.”
(p87)

 


 

“Much more learned the nobility that it was in opposition to the zeitgeist. Performance was required. What one is able of, what one can achieve, what’s done for production, trade, management and soldiery, that should prevail. The general public showed respect to the farmers. Nobody doubted their value for the society, but what’s with the landlord, who just levies duties? What is provided by the owner of a manor, if the whole manual chores are done by the day laborer? Is it work, if he manages the estate? Or was his function rather parasitic? And the nobility, who kept the high positions in management and the military, was this due to performance or their ties? Such critical issues were able to undermine the nobility’s dominance.”

 

 

Gerhard Schildt
Aufbruch aus der Behaglichkeit – Deutschland im Biedermeier 1815-1847
Westermann, Braunschweig 1989, ISBN 3-07-509038-7
Bild: Wikimedia CCC