Schlagwort: nobility

Damals / Back Then

Kein Moderner Geist / No Modern Intellect

15. Dezember 2017

“Während ringsumher von der Meerenge von Gibraltar bis zu dem irischen Meere und der Ostsee Europa in den Geburtswehen einer neuen Zeit liegt, während alles krampfhaft durchzuckt ist und fieberhaft erbebt, während überall das moderne Leben sich in den härtesten Gegensätzen abarbeitet, überall neue Zustände, neue soziale Verhältnisse sich hervorbilden; Spekulationen aller Art erwachen, findet sich dort absolute Ruhe, verstummt dort der wilde Löwe, ermattet dort der ungestüme Lauf der Bewegung. (…) Während das ganze gebildete Europa der politischen Emanzipation mit Enthusiamus zufiel, regte sich hier kein Laut der Teilnahme: Österreich allein besitzt keine Ansteckungsfähigkeit. Hierher allein hat der moderne Geist sich nicht mehr brechen können. Hier herrscht noch die sogenannte goldene Zeit, nachdem sie von der übrigen Erde verschwunden, hier ist der heitere Genuss, unbefangene Lust ohne Reflexion, fast ohne Bewusstsein.”
(p79)

Zitiert nach Wolfgang Häusler, Von der Massenarmut zur Arbeiterbewegung. Demokratie und soziale Frage in der Wiener Revolution von 1848, Wien/München, 1979, p73.

 


 

“While all around Europe suffers the throes of a new time, from Gibraltar’s seagate to the Irish Sea and the Baltic Sea, while everything is in convulsive tremor and feverish shaken, while everywhere modern life is taken down in hardest contradictions, everywhere new circumstances, new social relationships are spawned, speculations of all kind are rising, there is absolute stillness, the wild lion is silenced, the impetuous course exhausts at this place. (…) While the whole educated Europe is enthused by political emancipation, no tone of participation is found here: Austria alone has no enthusiasm. No modern intellect has reached so far. The so-called golden age still reigns here, even after it has disappeared from the remaining earth, here is bright enjoyment, naive delight without reflection, almost without awareness.”

 

Elisabeth Klamper, Das Revolutionsjahr 1848 in Wien
Biedermeier in Wien, 1815-1848, Sein und Schein einer Bürgeridylle
Internationale Tage Ingelheim und Verlag Phillip Von Zabern, Mainz, 1990,
ISBN 3-8053-1128-1
Bild: Rudolf Ritter Von Alt, CCC

 

Damals / Back Then

Alte Mächte / Old Forces

5. Dezember 2017

“Das Neue war unwiderstehlich. Die alten gesellschaftlichen Mächte mussten ohnmächtig zusehen, wie durch die Hand des Bürgertums unablässig Neues entstand, das geeignet war, die alten Standesunterschiede einzuebnen. (…) Die Bürger waren stolz auf ihre Leistung, und zwar ihre eigene, individuelle Leistung. Was sie selbst, was sie persönlich getan hatten, das zählte. Wenn es ein kleiner Mann zu etwas gebracht hatte, dann wog das mehr als eine ererbte Stellung. Ebenso stolz waren Bürger auf ihre Bildung. Genauso verhielt es sich mit der bürgerlichen Kultur.”
(p142)

 


 

„The new was irresistible. The old societal forces had to watch helpless as the hands of the bourgeoisie created ceaseless innovations, eligible to level the old class distinction (…) The burgess was proud of its achievements, namely their own, individual performance. What they personally accomplished, by themselfs, that mattered. When the little man got somewhere, this weighed more than any hereditary status. The bourgeoisie was proud of its education, likewise its civic culture.“

 

Gerhard Schildt
Aufbruch aus der Behaglichkeit – Deutschland im Biedermeier 1815-1847
Westermann, Braunschweig 1989, ISBN 3-07-509038-7
Bild: Hasenklever, Das Lesekabinett, CCC
Damals / Back Then

Soziale Schere / Social Gap

30. November 2017

“Die ‘soziale Schere’ zwischen Arm und Reich vergrösserte sich im Biedermeier immer mehr, ohne dass vom Staat wirtschaftliche Massnahmen ergriffen worden wären. (…) Jede Erschütterung im wirtschaftlichen Bereich stiess krisenanfällige ‘Grenzexistenzen’ weiter in die Armut.”
(p25f)

 


 

“In the era of Biedermeier the social and economic gap between rich and poor was widening, but no measures were taken by the state. (…) Every economic tremor pushed precarious existences even further into poverty.”

 

Reingard Witzmann, Bürgerlicher Alltag im Wiener Biedermeier
aus/from: Biedermeier in Wien, 1815-1848, Sein und Schein einer Bürgeridylle
Internationale Tage Ingelheim und Verlag Phillip Von Zabern, Mainz, 1990,
ISBN 3-8053-1128-1
Bild: Waldmüller, CCC
Damals / Back Then

Gleichmacherei / Egalitarianism

28. November 2017

“In allen seinen Teilen war das gehobene Bürgertum auch einig gegen demokratisch-sozialistische ‘Gleichmacherei’. Dass Leute ohne wirtschaftliche Kraft und ohne Wissen und Bildung auch mitbestimmen wollten, dass sie vielleicht gar einen Anteil am gesellschaftlichen Reichtum forderten, das fand das gehobene Bürgertum im Allgemeinen empörend.”
(p 152)

 


 

“In all its parts the upper-middle class was united in their attitude against democratic-socialist egalitarianism. The request that people without economic potency and without knowledge or education wanted to take part in decision-making, that they’re even claiming their share on society’s wealth was perceived by the upper bourgeoisie generally as scandalous.”

 

Gerhard Schildt
Aufbruch aus der Behaglichkeit – Deutschland im Biedermeier 1815-1847
Westermann, Braunschweig 1989, ISBN 3-07-509038-7
Bild: J.P.Hasenclever, CCC
Damals / Back Then

Gebildeter Mittelstand / Educated Middle-Class

23. November 2017

“Ein Zeitalter, welches Theorien über Erfahrungen setzte, musste notwendig einen übermässigen Wert legen auf die Ausbildung des Verstandes und auf das Erlernte. … Es war also hauptsächlich der Städte und des eigentlich gewerbetreibenden Standes, deren sich die Unruhe des Zeitalters bemeisterte. Hier war auch durch fleissige Väter und durch die dem Geldbesitz günstige Gesetzgebung das meiste Geld zusammengebracht, durch welches unterstützt die Jugend anfing, sich in der Welt umherzutreiben und sich da niederzulassen, wo das bequemste Unterkommen sich darzubieten schien.

Eine solche allgemeine Unruhe und Wanderung war eine ganz neue Erscheinung. Denn bis dahin war der Sohn in der Regel dem Gewerbe des Vaters gefolgt, und hatte, in späteren Jahren wenigstens, die Vaterstadt wieder zum Wohnsitz gewählt. Hiervon war jetzt nicht mehr die Rede. Mit einem jeden sollte es besser werden. Der Sohn des kleinen Kaufmanns wollte ein reicher Bankier, der des Predigers ein unabhängiger Gelehrter, der des Schulmeisters Prediger, der des Handwerkers Kaufmann, der des Ackerbürgers ein Schriftgelehrter werden. Die Handwerke mussten schon aus den Dörfern rekrutiert werden, auf die solchergestalt die Unruhe zurückschlug, denn dieser Stand erschien schon als viel zu mühselig.
So entstand nach und nach eine Klasse von heimatlosen Menschen, die sich den gebildeten Mittelstand nannte, von welcher man bis dahin nie gehört hatte und welche dreist von sich behauptete, die einsichtsvollste und beste zu sein, und dass in ihr die wahre Kraft der Staaten beruhe.”

 


 

“An age, which prefered theories over experience had to put exceeding value on the education of reason and knowledge. … So the disturbance of the times affected mostly cities and the manufacturing class. There was most of the money, due to diligent fathers and capital friendly laws, wealth which backed the youth in roving the world and to settle where it appeared to be the most convenient accommodation.

Such common restlessness and migration was a complete new phenomenon. Usually until then the son ensued the father’s craft, and chose, at least after some years, to live in his native city. From now on this was ineligible. Life should improve with every one. The son of a small merchant wanted to become a rich banker, a preacher’s son an independent scholar, the schoolmaster’s son a preacher, a tillers son a scribe. The craftsmen had to be recruited in the villages to which this unrest backfired, because this class appeared already too wearisome.

Hence arose, little by little, a new group of displaced people, which called themselves the educated middle-class, of which no one heard before, and who boldly claimed to be the most understanding and best, bearing the true strength of nations.”

 

(Marwitz, Friedrich August Ludwig v.d.: Ein märkischer Edelmann im Zeitalter der Befreiungskriege. Hrsg. von Friedrich Meusel, Bd 2, Teil 2, 1913, p312f)
(p141f)
Gerhard Schildt
Aufbruch aus der Behaglichkeit – Deutschland im Biedermeier 1815-1847
Westermann, Braunschweig 1989, ISBN 3-07-509038-7
Bild: Ernst Christian Moser, Die Versöhnung, CCC
Damals / Back Then

Spekulation / Speculation

14. November 2017

“Für die Höhe der Mietzinse war entscheidend, ob die Wohnung näher oder entfernter von der Stadt lag. Aber auch sonst bildeten sich Unterschiede heraus. Das Image der Gegenden wurde differenzierter bewertet. Das waren Auffassungen, die bis weit ins 20. Jahrhundert erhalten blieben. (…) In den Vorstädten, wo vorwiegend eine finanziell schwache Bevölkerung wohnte und es viele Arbeiterwohnungen gab, waren elende, kleine, niedrig gebaute Zimmer, in denen sich alles Leben einer Familie abspielte, die Regel. Charakteristisch waren hier die ‘Pawlatschenhäuser*’, niedrig gebaute Wohnobjekte mit aus Holz gebauten Umgängen. Viel an dem Wohnungsübel hatte seine Ursache im Spekulantentum. Die kleinen Häuser, in denen man sich die Wohnungen noch hatte leisten können, begannen zu verfallen und wurden durch Grossbauten ersetzt, der Höhe der Zinse den kleinen Einkommen keineswegs mehr entsprach. Offensichtlich waren die Spekulanten also bemüht, den vorhandenen Wohnraum zu verknappen, um ihn teuer anbieten zu können. In den vierziger Jahren trug diese Haltung zusätzlich zur Verschärfung der sozialen Situation bei. Im Zuge der Industrialisierung verringerte sich die Anzahl der Arbeitsplätze, die Einkommen sanken ab, die Verelendung der breiten Schichten der Bevölkerung nahm zu. Der Anteil der Höhe der Miete im Arbeiterhaushalt betrug ein Viertel bis ein Drittel des Einkommens.”

 

*: „Pawlatsche“ war die ins Österreichisch übernommene tschechische (‘pavlać’) Bezeichung für ein Haus, dessen Wohnungszugang über aussen liegende Stiegen und überdachte Laubengänge erfolgte. Diese Kostruktion war sehr billig.

 


 

“The amount of the rent for the residence depended on the distance to the city. But other differences showed as well. The reputation of the neighborhood was distinguished differently. This concept stretched long into the 20th century (…) The outskirts were generally built up with workman’s houses, the inhabitants were mostly financially weak. Miserable, small, low-ceilinged rooms were characteristic, where the whole life of the family took place. A typical building for this area was the “pawlatschen*-house”, a low-rise construction with a wooden tower gallery. Essentially speculation was the reason for this misery. The small, but still affordable houses were left to deteriorate and were replaced by bigger structures with much higher rental fees which were in no match for the low income. The venturers apparently tried to shorten available housing space to rise the operating leases. In the (18)40ies this tune aggravated the social marginalisation. The number of jobs clearly depleted in the course of the industrial revolution, the income dropped and the distress of the population escalated. The quota of the workers salary regarding the rent was from 25 up to 30 per cent.”

 

*: “Pawlatsche” is an austrianized czech word (‘pavlać’) for a building, in which the staircase with an access balcony and canopy is on the outside, in the open. It was a cheap construction to access the flats.

 

Bürgersinn und Aufbegehren, Biedermeier und Vormärz in Wien, 1815-1848
1988, Museen der Stadt Wien und Jugend und Volk, Wien
ISBN 3-224-16741-6
Bild: Velasquez, Wien um 1830, CCC
Damals / Back Then

Welt des Kindes / Childs World

10. November 2017

“Die Welt des Kindes wurde überaus ernst genommen, nicht nur aus pädagogischen Gründen, nicht nur, weil man dem Kind auf dem Entwicklungsweg ins Erwachsenendasein jede nur mögliche Hilfe geben wollte, sondern weil man seine Welt als ‘heile Welt’ einzäunen und möglichst lange konservieren wollte, weil der enttäuschte Erwachsene selbst wieder Bürger dieser Welt werden wollte.”
(p186)


 

“The childs world was taken seriously, not only due to educational reasons, not only, because people wanted to aid the child’s development to a grown-up’s being, but rather to corral and conserve it’s world as ‘idyllic world’ as long as possible, because the disappointed grown-up wanted to become a citizen of this world again.”

 

Renate Krüger, Biedermeier, Eine Lebenshaltung zwischen 1815 und 1848
Koehler und Amelang (VOB), Leipzig, 1979, 2. Aufl. 1982,
ISBN nicht vorhanden, Lizenznummer 295/275/2407/82
Bild: Waldmüller, CCC
Damals / Back Then

Es Steht! / It Stands Still!

6. November 2017

“Der österreichische Staat kommt uns vor wie eine Uhr … Die Welt glaubt, die Uhr gehe fort, weil man sie manchmal schlagen hört. Das ist aber der Wecker der Zeit – der schlägt daran. Österreich geht aber auch nicht … es steht!”

Aus den “Sibyllinischen Büchern aus Österreich” von Hauptmann Karl Möhring

 


 

“To us the appearance of the austrian state is that of a clock … the world thinks, the clock is running, because sometimes you hear its stroke. Only that’s the alarm of the times – that chimes this bell. But Austria isn’t running …it stands still!”

From the „Sybillinic Books from Austria“, by Hauptmann Karl Möhring

 

Fritz Endler, Wien im Biedermeier
Verlag Carl Ueberreuter, Wien – Heidelberg, 1978
ISBN 3-8000-3150-7
Bild: Carl Spitzweg, Friede Im Land, CCC
Damals / Back Then

Volkswohlstand / Prosperity Of The Nation

23. Oktober 2017

“Die Männer der Wirtschaft setzten auf laisser faire, auf das Geschehen-lassen. Sie wollten möglichst wenig staatliche Eingriffe. Im freien Spiel der Kräfte, so meinten sie, werde sich die Wirtschaft und damit der gesamte Volkswohlstand am besten entwickeln. Die Beamten hatten jedoch viel Verständnis für staatliche Lenkung, schon weil sie selbst daran beteiligt waren.”

 


 

“The men of economy bet on laisser faire, on let-things-happen.They wanted as few interventions of the state as possible. They believed that the best way for the development of economy, hence the prosperity of the nation, is the free play of forces. The magistrate had great sympathy for the guidance of the state, especially because of their involvement.”

 

 

Quelle / Source:
Gerhard Schildt
Aufbruch aus der Behaglichkeit – Deutschland im Biedermeier 1815-1847
, p152
Westermann, Braunschweig 1989, ISBN 3-07-509038-7
Bild: Kaiserhaus, CCC

 

Damals / Back Then

Seelenadel / Nobility Of The Soul

30. Juni 2017

Der Bürger glaubte an Seelenadel, an die inneren Werte der Menschen, auch wenn die Zeichen der Zeit so stark auf die äusseren Werte gerichtet waren. (…) Im Bürgertum waren zur selben Zeit auch fortschrittliche und humane Bestrebungen spürbar. Gegen die Todesstrafe, für einen verbesserten Strafvollzug gab es veröffentlichte Meinungen.”
(p63)

 


 

“The burgess believed in the nobility of the soul, in the personal qualities of men, although the zeitgeist drew the attention more to external values. (…) The bourgeoisie showed progressive and humane ambitions. Records show public opinions against death penalty or for a better penal system.”