Schlagwort: revolution

Damals / Back Then

Anekdoten I / Anecdotes I

20. Oktober 2018

„Als Grillparzer sein Drama „König Ottokars Glück und Ende“ der Zensur eingereicht hatte, blieb es drei Jahre verschwunden. Keine Eingabe, kein Nachforschen half. Der Dichter war verzweifelt. Da brachte es ein Zufall ans Licht des Tages. Die Kaiserin, müde der gewöhnlichen Vorleselektüre, hatte nach etwas Besonderem, Anderem verlangt – Franz (Anm.: der Kaiser) hatte vermutlich diesen Wunsch nicht gehört. Da grub man in den Stössen von Manuskripten nach und fand den mit dem Staub von drei Jahren bedeckten „Ottokar“. Die Kaiserin las ihn, war entzückt, und  veranlasste den Kaiser das Stück aufführen zu lassen. Als Grillparzer sich später beim Zensor erkundigte, was denn eigentlich dagegen vorgelegen war, erhielt er die phytische Antwort: „Nichts; aber man kann nie wissen.““
– Ann Tizia Leitisch, „Wiener Biedermeier“, Helhagen & Klasing in Bielefeld und Leipzig, 1941

 


 

„As Grillparzer submitted his drama „The Fortune and Fall of King Ottokar“ to the censorship, it went missing for three years. No petition, no inquiry helped. The poet was desperate. A fortunate incident gave it back to the world. The empress, tired of the common reading texts, demanded something exceptional, different – supposedly her wish hasn’t been brought to Franz‘ (the emperor) attention. Digging in piles of submitted manuscripts, „Ottokar“ was found, covered in dust of three years. As the empress read this play, she was delighted and she forced the emperor to put it on the stage.
Later Grillparzer asked the censor what has been the matter of objection against his play, he got the phytic answer: „Nothing, but one can never know.“
– Ann Tizia Leitisch, „Wiener Biedermeier“, Helhagen & Klasing in Bielefeld und Leipzig, 1941

Arbeiten / Works

Ohne Titel III / Untitled III (Grand Cigar 2018)

17. Juni 2018

Im Biedermeier war der Genuss von Tabak sehr beliebt.
Vorzugsweise in der Pfeife oder geschnupft – jedoch am Anfang des 19. Jahrhunderts setzte sich eine neue Mode durch: aus (über) Spanien kommt gerollter Tabak, diese Innovation wird „Cigaro“ und „Cigarillo“ genannt. Dieser neue Rauchgenuss hatte die Pfeife und das Schnupfen innerhalb weniger Jahre verdrängt.
Schnell waren erste Rauchverbote ausgesprochen, auf offener Strasse, denn die Behörden sahen eine grosse „Feuergefahr“.
Die Polizei exekutierte Bussgelder von 2 Taler, die Bürger fühlten sich schikaniert und gaben ihrem Unmut lautstark bekannt.

So verbleibt wieder nur ein leises, amüsiertes
Nihil Novi Sub Sole.

 

Das Hofmobiliendepot in Wien bietet eine Ausstellung zu diesem Thema: „Vom Ruhen Und Rauchen“.

Foto: vom „Grand Cigar 2018“, mit besonderem Dank an ‚Art-Of-Life‘ und ‚Der Blaue Dunst‘

 


 

In Biedermeier tobacco was a matter of great indulgence.
Tobacco was primarily enjoyed with pipe or was snuffed – but in the beginning of the 19th century an new manner came in fashion: from (via) Spain rolled tobacco was imported, it was called „Cigaro“ or „Cigarillo“. Pipes and snuffing were outdated and replaced in just a few years.
The authorities declared immediately smoke bans on the street, due to a great fire hazard.
Police fined violators with 2 Taler,  the citizens felt harassed and complained vociferous.

So, all that remains is a quiet, but amused
Nihil Novi Sub Sole.

 

„Resting And Smoking“, an exhibition in the Hofmobiliendepot in Vienna.

 

Picture: from „Grand Cigar 2018“ with special thanks to „Art-Of-Life“ and „Der Blaue Dunst“.

 

Damals / Back Then, Heute / Today, Was ist Neobiedermeier, What is Neobiedermeier

Die Neue Zerrissenheit / A New Disruption

8. Juni 2018

Auch wenn man mit dem „Biedermeier“ etwas anderes assoziiert, so war diese Ära eine Zeit grossen Umbruchs und weitreichender Veränderungen.

Das aristokratische System konnte dem Fortschritt und dessen Anforderungen nichts entgegensetzen, aus der Sicht des Adels lebte man in der besten aller Welten und man tat alles daran, die Dinge so zu belassen – doch die seit Generationen bewährten Methoden versagten Stück um Stück, es mangelte an Einsicht, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit.

Die Aristokratie hatte ihr System zwar penibel in Gesetzen und Paragraphen fundamentiert, ebenfalls waren die staatlichen Gewalten fest in ihrer Hand, jedoch zerfiel der Untergrund auf dem sie standen.

Die zunehmende Industrialisierung machte hochwertige Produkte und Werkzeuge sehr plötzlich sehr günstig und leicht zugänglich. Der demokratisierung der Gebrauchsgegenstände folgte die demokratisierung politischer Strukturen, ab nun zählte nicht mehr die Herkunft, sondern das Können.

Es war eine Zeit der ‚Macher‘ und nicht eine der ‚Verwalter‘. Bürokratie ist grundsätzlich erhaltend orientiert und kann sich ebenfalls nur sehr langsam an Veränderungen anpassen. Das bedeutet, dass gesetzliche Regelungen und Standesvereinigungen dem rasanten Fortschritt ebenfalls hinterher waren und der ihrer regulativen Funktion einfach nicht nachkamen.

 

Aufgrund der rasanten Entwicklungen war das Säugetier Mensch gefordert: die Anpassungsfähigen umarmten den Fortschritt und trieben die Entwicklungen mutig mit aller Kraft voran, die konservativen Kräfte reagierten mit Ablehnung und Regression. Gleichzeitig war die Industrialisierung aber eine Verschiebung der Macht- und Gewaltverhältnisse, in einer bis zu diesem Zeitpunkt einzigartigen Phase eines europäischen Friedens. Dieser legte die Saat für die Vision einer gesamteuropäischen Einheit, die in den nachfolgenden Kapiteln europäischer Geschichte, zum Beispiel in Stefan Zweig, aufging und in der Europäischen Union im 20. Jahrhundert vollzogen wurde.

Die Zerrissenheit der Zeit spiegelt sich in Ihrer kleinsten Zelle der Gesellschaft, dem Menschen, wieder: ein unsicherer, doch mitunter einträglicher Lebensunterhalt in einer Welt des stürmischen Wandels und als Ausgleich Rückzug in eine vertraute Umgebung, die Familie, kennzeichnen die neu entstehende Mittelschicht, die man heute eher geringschätzend als Bürgertum bezeichnet und mit dem man das Biedermeier vorwiegend zu charakterisieren versucht. Diesem Umstand kann man auch die Verklärung der Vergangenheit, die Idealisierung des ‚einfachen‘ Handwerkers, dem mühevollen Landlebens oder die Besinnung auf eine nationale Identität zuschreiben.

Diese Zerrissenheit und Unsicherheit, sowie die Bequemlichkeit der Errungenschaften des Fortschritts wurden schnell als politisches Kapital missbraucht, um den vielen und unüberschaubaren Strömungen Zulauf und Unterstützung zu verschaffen.

Wütende und aufbegehrende Studenten forderten das herrschende System heraus, Arbeiter forderten vehement Rechte ein, die Arbeitslosigkeit und Armut der Bevölkerung wurde geschickt zum Vorteil aller Akteure auf der politischen Bühne verwendet.

Das Aufkommen eines neuen Mediums zur Verbreitung von gelenkter Information unterstützte diese Machenschaften: ab 1843 machte der Rotationsdruck hohe Auflagen der Zeitung zu einem erschwinglichen Preis möglich, die allgemeine Schulbildung hatte zudem eine breite Leserschaft geschaffen. Der Staat begann jene Kommunikationskanäle und seine Bürger im Namen der ‚allgemeinen Sicherheit‘ zu überwachen um so etwas wie Bürgerrechte gar nicht erst aufkommen zu lassen.

 

In diesem Chaos unterschiedlicher Interessen und Strömungen waren die Herrschenden plötzlich ihrer Privilegien beraubt, sie standen diesen Neuerungen hilf- und ratlos gegenüber, zu lange konnte sich der Adel sich auf dem von ihm geschaffenen System ausruhen, zu lange war der technologische Vorteil in ihrer Hand. Die sorgfältig konservierenden und regulierenden Mechanismen liefen ins Leere und konnten nicht mehr angewendet werden.

 

Heute, im 21. Jahrhundert haben sich die Rahmenbedingungen geändert, Errungenschaften der sozialistischen Revolution, im Biedermeier und der Industrialisierung mit Blut bezahlt, sind für uns eine Selbstverständlichkeit geworden und werden als Grundrecht wahrgenommen. Demokratisch gewählte Regierungen haben den Adel abgelöst und wir glauben uns über den gesellschaftlichen Zwängen der damaligen Menschen erhaben.

 

Dennoch: viel von dem oben Beschriebenen wirkt allzu aktuell.

 

Jene demokratisch gewählten Regierungen stehen den Veränderungen der heutigen Zeit genauso hilf- und ratlos gegenüber. Die Politik hat keine Relation zum Alltag ihrer Wähler mehr und Aussagen ihrer Vertreter in den Medien zeugen von Abgehobenheit. Im Namen der ‚Sicherheit‘ werden die damals teuer erworbenen Rechte vom Staat beschnitten und die modernen Kommunikationskanäle bespitzelt. Soziale und umweltpolitische Initiativen werden kriminalisiert und finanziell ausgehungert.

 

Die Vertreter staatlicher Macht versuchen erneut den Verlust ihrer Kontrolle mit aller Kraft zu verhindern, wieder werden Armut, Arbeitslosigkeit und prekäre Verhältnisse als Werkzeuge eben dieses Machterhalts eingesetzt.

 

Die Anpassungsfähigen gehen erfolgreich in die neue Zeit, die Konservativen berufen sich erneut auf fragwürdige nationale Identitäten, traditionelle Gesellschaftsbilder, beklagen lautstark den Verlust irgendwelcher Werte und verklären die Vergangenheit. Undurchsichtige Strömungen seltsamer politischer Akteure buhlen um Zulauf, traditionelle Geschlechterrollen prallen auf progressive Lebensstile.

Es findet erneut eine Demokratisierung der Gesellschaftsordnung statt, lediglich die Bühne ist weiter und grösser geworden. Ebenso verschiebt der leichte Zugang zu technologischem Fortschritt Machtverhältnisse aufs Neue, es findet erneut eine Demonopolisierung der Gewalten statt.

 

Doch werden die konservativen Kräfte heute genauso scheitern wie der weiland der Adel, den Fortschritt ungeschehen zu machen ist nicht möglich.

 

Als nach der Wiener Revolution, die gemeinhin als das Ende des Biedermeiers verstanden wird, auch der nachfolgende Klassizismus und das Musil’scheKakanien‚ sein Ende fand, begann in naiver Leichtgläubigkeit des Adels einer der furchtbarsten Kriege der Menschheitsgeschichte: der erste Weltkrieg.

‚Naive Leichtgläubigkeit‘, weil die Initiatoren meinten, es handle sich um einen Krieg, wie alle bisherigen. Klar definierte Scharmützel, die Ruhm, Ehre und Landgewinn versprachen.

‚Furchtbarster der Menschheitsgeschichte‘ deshalb, weil eben jener Fortschritt, den der Adel wahrzunehmen nicht imstande war, diesen zum ersten ‚industriell‘ geführten Krieg mit Massenvernichtungswaffen aller Art gemacht hat. Grausamkeiten, die sich kein Mensch vorstellen konnte, eine brutale Leugnung alles dessen, das den Menschen seiner Meinung nach menschlich macht. Stillstand und Regression, Unverständnis und Machtgier, und generell das Unvermögen verändernde Realitäten wahrzunehmen haben Europa nachhaltig traumatisiert und kurz darauf in den nächste Katastrophe geführt.

 

Nicht jede Entwicklung des Fortschrittes ist von Vorteil für den Menschen, aber diesen zu leugnen ist fatal. Auch wenn der Grossteil der Spezies Mensch mit den Anforderungen der Gegenwart überfordert zu sein scheint, so gibt es immer wieder Begegnungen, die Hoffnung für eine bessere Zukunft, als jene, die die Menschen des 19. Jahrhunderts vor sich hatten, machen.

In den dunklen Stunden der Seele verbleibt jedoch immer ein

Nihil Novi Sub Sole

 


 

Although “Biedermeier” is commonly associated in other respects, it was a time of great upheaval and long range changes.
The aristocratic system couldn’t withstand progress and it’s demands, on grounds of the nobility it was the best of worlds and everything was done to preserve the status quo – but the methods, well proven since generations, failed bit by bit, they lacked the insight, flexibility and adaptability. The aristocratic system was well-founded in laws and paragraphs, also the forces of the state were in nobility’s firm hand, but the substrate for those terms collapsed.

Due to the increasing industrialization high grade products and tools were suddenly affordable and easy accessible. The democratization of products was followed by the democratization of political structures, skill was of greater importance than ancestry.
It was a time of doing, not conducting. Bureaucracy is preservative and hence very slow in adapting to change. This means that statutory rule and unions of professions could not match the speed of progress and obtain their regulative roles.

 

Due to the rapid developments the mammalian human was challenged: the adaptive embraced progress and pushed the changes further with all their might, the conservative forces responded with rejection and regression. At the same time industrialization was a shift of the balance of force and power in a unique era of peace in Europe so far. This was the seed for the vision of a paneuropean union, that bore fruit in subsequent chapters of european history, pE in Stefan Zweig, and which has been fulfilled with the European Union in the 20th century.

 

The disruption of this era was evident in the smallest cell of its society: man. A precarious, but yet at times lucrative income in a world of roaring alteration, balanced with retreat in a familiar environment, the family, characterize the new formed middle class, nowadays disregarded named ‘bourgeoisie’, which is commonly associated with the ‘Biedermeier’. These circumstances led to the romanticization of the past, the glorification of the frugal trade and troublesome farm life or the rise of a consciousness for a national identity. This disruption and insecurity, as well as the commodities of progress were abused immediately as political asset to gain support for an unclear number of newly risen parties. Enraged and revolting students bantered the ruling class, workers vigorously demanded rights, the poor and unemployed were cleverly used for one own’s end by new players on the political stage.

The rise of a new medium for spreading controlled information supported the scheming of all participants: rotary printing, invented 1843, made high runs of newspapers affordable and compulsory schooling created a wide readership. The state started to police those new means of communication, it spied on its citizens in the name of ‘public security’ to suppress the advent of civil rights in front.

 

In this chaos of diverging motives and causes suddenly the toothless ruling class was deprived of their privileges, they have relied on their system of dominance for too long, the technological advantage has been too long in their hands. The thoroughly put conserving and regulating arrangements lost their grounds and couldn’t be applied any more.

 

Today, in the 21st century, the surrounding conditions have changed, achievements of the socialist revolution, which roots in the Biedermeier and the overlapping Industrialization, are matters of course and perceived as basic rights. Democratic elected parties replaced the nobility and society supposes to have risen above the former social constraints.

 

But: too much of this appears to be quite topical.

 

Those democratic elected parties are as help- and toothless as the nobility back then. The politicians have lost their connection to everyday’s life of their voters and their statements in the media prove this detachment. These rights, earned and paid in blood back then, are restricted in the name of security and the new means of communication are under surveillance of the state. Social and ecological initiatives are criminalized and starved out financially.

 

The agents of the state try everything to hold on to their power; poverty, unemployment and precarious conditions are used as tools of maintaining this power again.

 

The adaptive persist and will successfully pass these new times, the byzantine invoke a questionable national identity and traditional concepts of society, lament about the loss of values and romanticize the cruel past. Shady political agents of even shadier causes haunt for support, traditional gender roles bounce against a progressive lifestyle.

The order of society is being democratized again, this time on a bigger stage. The availability and accessibility to technology will shift the balance of power again, the forces will be demonopolized again.   

 

But the conservative forces will fail like the nobility back then, because undoing progress is not possible.

 

After Biedermeier ‘officially’ ended with the Viennese Revolution, the successional Habsburg Empire collapsed in one of the most cruel wars in the history of man: the First World War.
It was started naive and in gullibility, because the initiators thought, this would be a war like all others. Clear defined skirmishes promising glory, fame and gain of precious land.

But that technological progress, that the nobility wasn’t able to realize, led to the first industrialized war, a war with weapons of mass destruction, with ferocities no man could imagine, denying every decency man believed to have. Stagnancy and regression, lack of understanding and lust for power, and generally the inability to accept changing realities, deeply traumatized Europe and led shortly afterwards to the next catastrophe.

 

Clearly not every progress’ development is an advantage to man, but to deny them is fatal. Although humanity seems to be overextended with today’s requirements, sometimes there are encounters feeding the hope that we have a brighter future ahead of us than the people back then. But in the dark hours of the soul, all that remains is

Nihil Novi Sub Sole

 

Damals / Back Then

Kein Moderner Geist / No Modern Intellect

15. Dezember 2017

“Während ringsumher von der Meerenge von Gibraltar bis zu dem irischen Meere und der Ostsee Europa in den Geburtswehen einer neuen Zeit liegt, während alles krampfhaft durchzuckt ist und fieberhaft erbebt, während überall das moderne Leben sich in den härtesten Gegensätzen abarbeitet, überall neue Zustände, neue soziale Verhältnisse sich hervorbilden; Spekulationen aller Art erwachen, findet sich dort absolute Ruhe, verstummt dort der wilde Löwe, ermattet dort der ungestüme Lauf der Bewegung. (…) Während das ganze gebildete Europa der politischen Emanzipation mit Enthusiamus zufiel, regte sich hier kein Laut der Teilnahme: Österreich allein besitzt keine Ansteckungsfähigkeit. Hierher allein hat der moderne Geist sich nicht mehr brechen können. Hier herrscht noch die sogenannte goldene Zeit, nachdem sie von der übrigen Erde verschwunden, hier ist der heitere Genuss, unbefangene Lust ohne Reflexion, fast ohne Bewusstsein.”
(p79)

Zitiert nach Wolfgang Häusler, Von der Massenarmut zur Arbeiterbewegung. Demokratie und soziale Frage in der Wiener Revolution von 1848, Wien/München, 1979, p73.

 


 

“While all around Europe suffers the throes of a new time, from Gibraltar’s seagate to the Irish Sea and the Baltic Sea, while everything is in convulsive tremor and feverish shaken, while everywhere modern life is taken down in hardest contradictions, everywhere new circumstances, new social relationships are spawned, speculations of all kind are rising, there is absolute stillness, the wild lion is silenced, the impetuous course exhausts at this place. (…) While the whole educated Europe is enthused by political emancipation, no tone of participation is found here: Austria alone has no enthusiasm. No modern intellect has reached so far. The so-called golden age still reigns here, even after it has disappeared from the remaining earth, here is bright enjoyment, naive delight without reflection, almost without awareness.”

 

Elisabeth Klamper, Das Revolutionsjahr 1848 in Wien
Biedermeier in Wien, 1815-1848, Sein und Schein einer Bürgeridylle
Internationale Tage Ingelheim und Verlag Phillip Von Zabern, Mainz, 1990,
ISBN 3-8053-1128-1
Bild: Rudolf Ritter Von Alt, CCC

 

Damals / Back Then

Alte Mächte / Old Forces

5. Dezember 2017

“Das Neue war unwiderstehlich. Die alten gesellschaftlichen Mächte mussten ohnmächtig zusehen, wie durch die Hand des Bürgertums unablässig Neues entstand, das geeignet war, die alten Standesunterschiede einzuebnen. (…) Die Bürger waren stolz auf ihre Leistung, und zwar ihre eigene, individuelle Leistung. Was sie selbst, was sie persönlich getan hatten, das zählte. Wenn es ein kleiner Mann zu etwas gebracht hatte, dann wog das mehr als eine ererbte Stellung. Ebenso stolz waren Bürger auf ihre Bildung. Genauso verhielt es sich mit der bürgerlichen Kultur.”
(p142)

 


 

„The new was irresistible. The old societal forces had to watch helpless as the hands of the bourgeoisie created ceaseless innovations, eligible to level the old class distinction (…) The burgess was proud of its achievements, namely their own, individual performance. What they personally accomplished, by themselfs, that mattered. When the little man got somewhere, this weighed more than any hereditary status. The bourgeoisie was proud of its education, likewise its civic culture.“

 

Gerhard Schildt
Aufbruch aus der Behaglichkeit – Deutschland im Biedermeier 1815-1847
Westermann, Braunschweig 1989, ISBN 3-07-509038-7
Bild: Hasenklever, Das Lesekabinett, CCC
Damals / Back Then

Soziale Schere / Social Gap

30. November 2017

“Die ‘soziale Schere’ zwischen Arm und Reich vergrösserte sich im Biedermeier immer mehr, ohne dass vom Staat wirtschaftliche Massnahmen ergriffen worden wären. (…) Jede Erschütterung im wirtschaftlichen Bereich stiess krisenanfällige ‘Grenzexistenzen’ weiter in die Armut.”
(p25f)

 


 

“In the era of Biedermeier the social and economic gap between rich and poor was widening, but no measures were taken by the state. (…) Every economic tremor pushed precarious existences even further into poverty.”

 

Reingard Witzmann, Bürgerlicher Alltag im Wiener Biedermeier
aus/from: Biedermeier in Wien, 1815-1848, Sein und Schein einer Bürgeridylle
Internationale Tage Ingelheim und Verlag Phillip Von Zabern, Mainz, 1990,
ISBN 3-8053-1128-1
Bild: Waldmüller, CCC
Damals / Back Then

Gleichmacherei / Egalitarianism

28. November 2017

“In allen seinen Teilen war das gehobene Bürgertum auch einig gegen demokratisch-sozialistische ‘Gleichmacherei’. Dass Leute ohne wirtschaftliche Kraft und ohne Wissen und Bildung auch mitbestimmen wollten, dass sie vielleicht gar einen Anteil am gesellschaftlichen Reichtum forderten, das fand das gehobene Bürgertum im Allgemeinen empörend.”
(p 152)

 


 

“In all its parts the upper-middle class was united in their attitude against democratic-socialist egalitarianism. The request that people without economic potency and without knowledge or education wanted to take part in decision-making, that they’re even claiming their share on society’s wealth was perceived by the upper bourgeoisie generally as scandalous.”

 

Gerhard Schildt
Aufbruch aus der Behaglichkeit – Deutschland im Biedermeier 1815-1847
Westermann, Braunschweig 1989, ISBN 3-07-509038-7
Bild: J.P.Hasenclever, CCC
Damals / Back Then

Gebildeter Mittelstand / Educated Middle-Class

23. November 2017

“Ein Zeitalter, welches Theorien über Erfahrungen setzte, musste notwendig einen übermässigen Wert legen auf die Ausbildung des Verstandes und auf das Erlernte. … Es war also hauptsächlich der Städte und des eigentlich gewerbetreibenden Standes, deren sich die Unruhe des Zeitalters bemeisterte. Hier war auch durch fleissige Väter und durch die dem Geldbesitz günstige Gesetzgebung das meiste Geld zusammengebracht, durch welches unterstützt die Jugend anfing, sich in der Welt umherzutreiben und sich da niederzulassen, wo das bequemste Unterkommen sich darzubieten schien.

Eine solche allgemeine Unruhe und Wanderung war eine ganz neue Erscheinung. Denn bis dahin war der Sohn in der Regel dem Gewerbe des Vaters gefolgt, und hatte, in späteren Jahren wenigstens, die Vaterstadt wieder zum Wohnsitz gewählt. Hiervon war jetzt nicht mehr die Rede. Mit einem jeden sollte es besser werden. Der Sohn des kleinen Kaufmanns wollte ein reicher Bankier, der des Predigers ein unabhängiger Gelehrter, der des Schulmeisters Prediger, der des Handwerkers Kaufmann, der des Ackerbürgers ein Schriftgelehrter werden. Die Handwerke mussten schon aus den Dörfern rekrutiert werden, auf die solchergestalt die Unruhe zurückschlug, denn dieser Stand erschien schon als viel zu mühselig.
So entstand nach und nach eine Klasse von heimatlosen Menschen, die sich den gebildeten Mittelstand nannte, von welcher man bis dahin nie gehört hatte und welche dreist von sich behauptete, die einsichtsvollste und beste zu sein, und dass in ihr die wahre Kraft der Staaten beruhe.”

 


 

“An age, which prefered theories over experience had to put exceeding value on the education of reason and knowledge. … So the disturbance of the times affected mostly cities and the manufacturing class. There was most of the money, due to diligent fathers and capital friendly laws, wealth which backed the youth in roving the world and to settle where it appeared to be the most convenient accommodation.

Such common restlessness and migration was a complete new phenomenon. Usually until then the son ensued the father’s craft, and chose, at least after some years, to live in his native city. From now on this was ineligible. Life should improve with every one. The son of a small merchant wanted to become a rich banker, a preacher’s son an independent scholar, the schoolmaster’s son a preacher, a tillers son a scribe. The craftsmen had to be recruited in the villages to which this unrest backfired, because this class appeared already too wearisome.

Hence arose, little by little, a new group of displaced people, which called themselves the educated middle-class, of which no one heard before, and who boldly claimed to be the most understanding and best, bearing the true strength of nations.”

 

(Marwitz, Friedrich August Ludwig v.d.: Ein märkischer Edelmann im Zeitalter der Befreiungskriege. Hrsg. von Friedrich Meusel, Bd 2, Teil 2, 1913, p312f)
(p141f)
Gerhard Schildt
Aufbruch aus der Behaglichkeit – Deutschland im Biedermeier 1815-1847
Westermann, Braunschweig 1989, ISBN 3-07-509038-7
Bild: Ernst Christian Moser, Die Versöhnung, CCC
Damals / Back Then

Moralische Ratschläge / Moral Pieces Of Advice

17. November 2017

“Jahrzehntelang wurde zum Beispiel überall in Deutschland ein Erbauungsbuch dieser Art gelesen, die ‘Stunden der Andacht’. (…) Es gab keine grundsätzlichen Erörterungen; kein kämpferischer Ton klang auf. (…) Seine Betrachtungen tauchte er (Anm: der Autor) in eine milde, sanfte Religiosität, so wenn er sich über die Tages- und Jahreszeiten äusserte, über die Beziehungen zu den verschiedenen Gliedern der Familie bis hin zu den Tieren, wenn er menschliche Schwächen oder menschliche Vorzüge behandelte. Weise zu werden, das sollte nach den Worten des Verfassers das Ziel des Lesers sein. Vom Seelenheil war selten die Rede. Oft genug gerieten seine moralischen Ratschläge in die Nähe von Benimm-Regeln.”
(p277f)

 


 

“For example: such a book of meditations was read in germany for decades, the ‘hours of devotion’. (…) There were no cardinal considerations, no fierce tone in evidence. (…) His (e.n.: the author) reflections were quenched in mild, meek religiousness, as he spoke out about daytime and seasons, about relationships with members of the family extended even to animals, as he outlined human flimsiness and virtues. Becoming wise, this should be, of the author’s notion, the reader’s intent. Salvation was rarely mentioned. His moral pieces of advice got often into rules of conduct.”

 

 

Gerhard Schildt
Aufbruch aus der Behaglichkeit – Deutschland im Biedermeier 1815-1847
Westermann, Braunschweig 1989, ISBN 3-07-509038-7
Bild: Carl Spitzweg; CCC
Damals / Back Then

Spekulation / Speculation

14. November 2017

“Für die Höhe der Mietzinse war entscheidend, ob die Wohnung näher oder entfernter von der Stadt lag. Aber auch sonst bildeten sich Unterschiede heraus. Das Image der Gegenden wurde differenzierter bewertet. Das waren Auffassungen, die bis weit ins 20. Jahrhundert erhalten blieben. (…) In den Vorstädten, wo vorwiegend eine finanziell schwache Bevölkerung wohnte und es viele Arbeiterwohnungen gab, waren elende, kleine, niedrig gebaute Zimmer, in denen sich alles Leben einer Familie abspielte, die Regel. Charakteristisch waren hier die ‘Pawlatschenhäuser*’, niedrig gebaute Wohnobjekte mit aus Holz gebauten Umgängen. Viel an dem Wohnungsübel hatte seine Ursache im Spekulantentum. Die kleinen Häuser, in denen man sich die Wohnungen noch hatte leisten können, begannen zu verfallen und wurden durch Grossbauten ersetzt, der Höhe der Zinse den kleinen Einkommen keineswegs mehr entsprach. Offensichtlich waren die Spekulanten also bemüht, den vorhandenen Wohnraum zu verknappen, um ihn teuer anbieten zu können. In den vierziger Jahren trug diese Haltung zusätzlich zur Verschärfung der sozialen Situation bei. Im Zuge der Industrialisierung verringerte sich die Anzahl der Arbeitsplätze, die Einkommen sanken ab, die Verelendung der breiten Schichten der Bevölkerung nahm zu. Der Anteil der Höhe der Miete im Arbeiterhaushalt betrug ein Viertel bis ein Drittel des Einkommens.”

 

*: „Pawlatsche“ war die ins Österreichisch übernommene tschechische (‘pavlać’) Bezeichung für ein Haus, dessen Wohnungszugang über aussen liegende Stiegen und überdachte Laubengänge erfolgte. Diese Kostruktion war sehr billig.

 


 

“The amount of the rent for the residence depended on the distance to the city. But other differences showed as well. The reputation of the neighborhood was distinguished differently. This concept stretched long into the 20th century (…) The outskirts were generally built up with workman’s houses, the inhabitants were mostly financially weak. Miserable, small, low-ceilinged rooms were characteristic, where the whole life of the family took place. A typical building for this area was the “pawlatschen*-house”, a low-rise construction with a wooden tower gallery. Essentially speculation was the reason for this misery. The small, but still affordable houses were left to deteriorate and were replaced by bigger structures with much higher rental fees which were in no match for the low income. The venturers apparently tried to shorten available housing space to rise the operating leases. In the (18)40ies this tune aggravated the social marginalisation. The number of jobs clearly depleted in the course of the industrial revolution, the income dropped and the distress of the population escalated. The quota of the workers salary regarding the rent was from 25 up to 30 per cent.”

 

*: “Pawlatsche” is an austrianized czech word (‘pavlać’) for a building, in which the staircase with an access balcony and canopy is on the outside, in the open. It was a cheap construction to access the flats.

 

Bürgersinn und Aufbegehren, Biedermeier und Vormärz in Wien, 1815-1848
1988, Museen der Stadt Wien und Jugend und Volk, Wien
ISBN 3-224-16741-6
Bild: Velasquez, Wien um 1830, CCC