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Damals / Back Then

Gebildeter Mittelstand / Educated Middle-Class

23. November 2017

“Ein Zeitalter, welches Theorien über Erfahrungen setzte, musste notwendig einen übermässigen Wert legen auf die Ausbildung des Verstandes und auf das Erlernte. … Es war also hauptsächlich der Städte und des eigentlich gewerbetreibenden Standes, deren sich die Unruhe des Zeitalters bemeisterte. Hier war auch durch fleissige Väter und durch die dem Geldbesitz günstige Gesetzgebung das meiste Geld zusammengebracht, durch welches unterstützt die Jugend anfing, sich in der Welt umherzutreiben und sich da niederzulassen, wo das bequemste Unterkommen sich darzubieten schien.

Eine solche allgemeine Unruhe und Wanderung war eine ganz neue Erscheinung. Denn bis dahin war der Sohn in der Regel dem Gewerbe des Vaters gefolgt, und hatte, in späteren Jahren wenigstens, die Vaterstadt wieder zum Wohnsitz gewählt. Hiervon war jetzt nicht mehr die Rede. Mit einem jeden sollte es besser werden. Der Sohn des kleinen Kaufmanns wollte ein reicher Bankier, der des Predigers ein unabhängiger Gelehrter, der des Schulmeisters Prediger, der des Handwerkers Kaufmann, der des Ackerbürgers ein Schriftgelehrter werden. Die Handwerke mussten schon aus den Dörfern rekrutiert werden, auf die solchergestalt die Unruhe zurückschlug, denn dieser Stand erschien schon als viel zu mühselig.
So entstand nach und nach eine Klasse von heimatlosen Menschen, die sich den gebildeten Mittelstand nannte, von welcher man bis dahin nie gehört hatte und welche dreist von sich behauptete, die einsichtsvollste und beste zu sein, und dass in ihr die wahre Kraft der Staaten beruhe.”

 


 

“An age, which prefered theories over experience had to put exceeding value on the education of reason and knowledge. … So the disturbance of the times affected mostly cities and the manufacturing class. There was most of the money, due to diligent fathers and capital friendly laws, wealth which backed the youth in roving the world and to settle where it appeared to be the most convenient accommodation.

Such common restlessness and migration was a complete new phenomenon. Usually until then the son ensued the father’s craft, and chose, at least after some years, to live in his native city. From now on this was ineligible. Life should improve with every one. The son of a small merchant wanted to become a rich banker, a preacher’s son an independent scholar, the schoolmaster’s son a preacher, a tillers son a scribe. The craftsmen had to be recruited in the villages to which this unrest backfired, because this class appeared already too wearisome.

Hence arose, little by little, a new group of displaced people, which called themselves the educated middle-class, of which no one heard before, and who boldly claimed to be the most understanding and best, bearing the true strength of nations.”

 

(Marwitz, Friedrich August Ludwig v.d.: Ein märkischer Edelmann im Zeitalter der Befreiungskriege. Hrsg. von Friedrich Meusel, Bd 2, Teil 2, 1913, p312f)
(p141f)
Gerhard Schildt
Aufbruch aus der Behaglichkeit – Deutschland im Biedermeier 1815-1847
Westermann, Braunschweig 1989, ISBN 3-07-509038-7
Bild: Ernst Christian Moser, Die Versöhnung, CCC
Damals / Back Then

Leistung Oder Beziehung? / Performance Or Ties?

12. Juni 2017

“Viel deutlicher bekam es der Adel zu spüren, dass der Zeitgeist ihm entgegen stand. Nach Leistung wurde gefragt. Was einer kann, was einer schafft, was einer für Produktion, Handel, Verwaltung und Heerwesen leistet, das sollte gelten. Dem Bauern gehörte die allgemeine Achtung. Niemand bezweifelte seinen Wert für die Gesellschaft, aber wie stand es mit einem Grundherren, der nur Abgaben einzog? Was leistete der Besitzer eine Rittergutes, wenn doch die ganze körperliche Arbeit durch Tagelöhne getan wurde? War es Arbeit, wenn er das Gut verwaltete? Oder war seine Tätigkeit nicht doch parasitär? Und die Adeligen, die in der Verwaltung und im Heer die höheren Stellen innehatten, verdankten sie das ihrer Leistung oder ihren Beziehungen? Solche kritischen Fragen waren geeignet, die Dominanz des Adels zu untergraben.”
(p87)

 


 

“Much more learned the nobility that it was in opposition to the zeitgeist. Performance was required. What one is able of, what one can achieve, what’s done for production, trade, management and soldiery, that should prevail. The general public showed respect to the farmers. Nobody doubted their value for the society, but what’s with the landlord, who just levies duties? What is provided by the owner of a manor, if the whole manual chores are done by the day laborer? Is it work, if he manages the estate? Or was his function rather parasitic? And the nobility, who kept the high positions in management and the military, was this due to performance or their ties? Such critical issues were able to undermine the nobility’s dominance.”

 

 

Gerhard Schildt
Aufbruch aus der Behaglichkeit – Deutschland im Biedermeier 1815-1847
Westermann, Braunschweig 1989, ISBN 3-07-509038-7
Bild: Wikimedia CCC