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Arbeiten / Works

Ohne Titel I / Untitled I (Portrait)

10. Mai 2018

In der Malerei war es lange Zeit das höchste Ziel die Realität so genau wie möglich darzustellen.

Dann kamen die mit komischen Kästen und erledigten in Sekundenbruchteilen das, was das Lebenswerk eines Malers war – das war die Photographie.
Die Photographie hatte nur einen Nachteil: sie gab das wider, was war. Mit allen Fehlern, in aller Banalität, ohne Phantasie.
Die Malerei reagierte darauf indem sie die Pforten der Wahrnehmung aufstiess und Pfade der Phantasie beschritt, die in der reinen Abstraktion endeten.
Auch wenn die Inszenierungen der Photographen das Moment der Phantasie mit grossem Aufwand einfangen wollten, so waren ihnen die Pfade der Malerei in ihrem Medium verwehrt.
Bis zur Erfindung der digitalen Bearbeitung am Computer war die Manipulation des Photographierten immer plump und irgendwie unbeholfen.

Was hat das mit diesem Projekt Neobiedermeier zu tun?

Licht hat mich immer fasziniert. Ich wollte immer malen. Sogar eine akademische Laufbahn einschlagen. Aber der Alltag und dessen Anforderungen zogen mein Leben in eine andere Richtung.
Bis zu meiner (Neu-)Entdeckung der Photographie und der Erkenntnis, dass sich deren Grenze in Richtung der Malerei verschieben lässt, auch ohne digitaler Bearbeitung.

Dies ist mein Ansatz: ich möchte das Element der Malerei – das Phantastische, das Abstrakte, das Wundersame, das Warme – in meiner Photographie zur Geltung bringen, wiederzubeleben, die Romantik, den Klassizismus, die Moderne und ihre Spielarten, mit den Mitteln der digitalen Welt, aber den Beschränkungen, die die Ausarbeitung des analogen Mediums FILM hat. Denn erst das analoge Element schafft die Authentizität, die der digitalen Photographie so oft zu fehlen scheint.

In diesem Fall gibt es keine konkrete Inspiration, dies ist eine spontane Aufnahme, ungeplant, roh und authentisch.

 


 

For a long time the highest goal in painting was to portray reality in the most exact manner.

Then they came with odd boxes and did in a fraction of a second what a painter tried to master in a life’s work – that was photography.
But photography has one essential flaw: it just shows what is there. Defected, banal, without any fancy.
The painters answer was to tear up the doors of perception and walk the path of fantasy, which wound up in pure abstraction.
Although photographers made great efforts to catch fantasy in their work, the path of painting was denied to them.
Before digital manipulation was available, spoofing the pictured was always kind of blunt and clumsy.

But what has that to do with Neobiedermeier?

I always was fascinated by light. I always wanted to paint. Even walk the academic path. But due to gravity of common daily grind and its demands I walked a different road.
Till I (re)discovered photography and realized that its borders can be pushed in the favor of painting, even without digital editing.

That is my approach: in my work I want to revive the element of painting – the fancy, the abstract, the wondrous, the warmth, the Romanticism, Classicism, the Modernity in all its variety, in the digital medium, but by means of the limitations of analog FILM developing. Because the analogue way creates the authenticity modern digital photography so often seems to be lacking.

In this case there’s no concrete inspiration, this is a spontaneous shot, improvised, raw and authentic.

Damals / Back Then

Gebildeter Mittelstand / Educated Middle-Class

23. November 2017

“Ein Zeitalter, welches Theorien über Erfahrungen setzte, musste notwendig einen übermässigen Wert legen auf die Ausbildung des Verstandes und auf das Erlernte. … Es war also hauptsächlich der Städte und des eigentlich gewerbetreibenden Standes, deren sich die Unruhe des Zeitalters bemeisterte. Hier war auch durch fleissige Väter und durch die dem Geldbesitz günstige Gesetzgebung das meiste Geld zusammengebracht, durch welches unterstützt die Jugend anfing, sich in der Welt umherzutreiben und sich da niederzulassen, wo das bequemste Unterkommen sich darzubieten schien.

Eine solche allgemeine Unruhe und Wanderung war eine ganz neue Erscheinung. Denn bis dahin war der Sohn in der Regel dem Gewerbe des Vaters gefolgt, und hatte, in späteren Jahren wenigstens, die Vaterstadt wieder zum Wohnsitz gewählt. Hiervon war jetzt nicht mehr die Rede. Mit einem jeden sollte es besser werden. Der Sohn des kleinen Kaufmanns wollte ein reicher Bankier, der des Predigers ein unabhängiger Gelehrter, der des Schulmeisters Prediger, der des Handwerkers Kaufmann, der des Ackerbürgers ein Schriftgelehrter werden. Die Handwerke mussten schon aus den Dörfern rekrutiert werden, auf die solchergestalt die Unruhe zurückschlug, denn dieser Stand erschien schon als viel zu mühselig.
So entstand nach und nach eine Klasse von heimatlosen Menschen, die sich den gebildeten Mittelstand nannte, von welcher man bis dahin nie gehört hatte und welche dreist von sich behauptete, die einsichtsvollste und beste zu sein, und dass in ihr die wahre Kraft der Staaten beruhe.”

 


 

“An age, which prefered theories over experience had to put exceeding value on the education of reason and knowledge. … So the disturbance of the times affected mostly cities and the manufacturing class. There was most of the money, due to diligent fathers and capital friendly laws, wealth which backed the youth in roving the world and to settle where it appeared to be the most convenient accommodation.

Such common restlessness and migration was a complete new phenomenon. Usually until then the son ensued the father’s craft, and chose, at least after some years, to live in his native city. From now on this was ineligible. Life should improve with every one. The son of a small merchant wanted to become a rich banker, a preacher’s son an independent scholar, the schoolmaster’s son a preacher, a tillers son a scribe. The craftsmen had to be recruited in the villages to which this unrest backfired, because this class appeared already too wearisome.

Hence arose, little by little, a new group of displaced people, which called themselves the educated middle-class, of which no one heard before, and who boldly claimed to be the most understanding and best, bearing the true strength of nations.”

 

(Marwitz, Friedrich August Ludwig v.d.: Ein märkischer Edelmann im Zeitalter der Befreiungskriege. Hrsg. von Friedrich Meusel, Bd 2, Teil 2, 1913, p312f)
(p141f)
Gerhard Schildt
Aufbruch aus der Behaglichkeit – Deutschland im Biedermeier 1815-1847
Westermann, Braunschweig 1989, ISBN 3-07-509038-7
Bild: Ernst Christian Moser, Die Versöhnung, CCC
Damals / Back Then

Leistung Oder Beziehung? / Performance Or Ties?

12. Juni 2017

“Viel deutlicher bekam es der Adel zu spüren, dass der Zeitgeist ihm entgegen stand. Nach Leistung wurde gefragt. Was einer kann, was einer schafft, was einer für Produktion, Handel, Verwaltung und Heerwesen leistet, das sollte gelten. Dem Bauern gehörte die allgemeine Achtung. Niemand bezweifelte seinen Wert für die Gesellschaft, aber wie stand es mit einem Grundherren, der nur Abgaben einzog? Was leistete der Besitzer eine Rittergutes, wenn doch die ganze körperliche Arbeit durch Tagelöhne getan wurde? War es Arbeit, wenn er das Gut verwaltete? Oder war seine Tätigkeit nicht doch parasitär? Und die Adeligen, die in der Verwaltung und im Heer die höheren Stellen innehatten, verdankten sie das ihrer Leistung oder ihren Beziehungen? Solche kritischen Fragen waren geeignet, die Dominanz des Adels zu untergraben.”
(p87)

 


 

“Much more learned the nobility that it was in opposition to the zeitgeist. Performance was required. What one is able of, what one can achieve, what’s done for production, trade, management and soldiery, that should prevail. The general public showed respect to the farmers. Nobody doubted their value for the society, but what’s with the landlord, who just levies duties? What is provided by the owner of a manor, if the whole manual chores are done by the day laborer? Is it work, if he manages the estate? Or was his function rather parasitic? And the nobility, who kept the high positions in management and the military, was this due to performance or their ties? Such critical issues were able to undermine the nobility’s dominance.”

 

 

Gerhard Schildt
Aufbruch aus der Behaglichkeit – Deutschland im Biedermeier 1815-1847
Westermann, Braunschweig 1989, ISBN 3-07-509038-7
Bild: Wikimedia CCC